Das bissige Hemd

warum Kinder manches nicht anziehen mögen

Es war einmal ein kleiner Junge, der war so schlau, wie man in seinem Alter eben sein konnte. Alle anderen Jungen pfiffen anerkennend durch die Zähne, wenn er wieder einmal eine geniale Idee hatte, oder lumpische Dinge ausheckte, die alle zum Lachen brachten, außer vielleicht die Erwachsenen. Aber wen kümmerte das schon.
Aber er war nicht nur lumpisch und schlau, sondern bildschön. Das sagt man gemeinhin nicht von Jungs. Gar manchem wäre es vielleicht peinlich. Ihm aber nicht. Sein Leuchten zog die Leute magisch an, wenngleich es für manche sehr verwunderlich schien. So nahm er am Leben teil und war überall, wo er auftauchte, der strahlende Mittelpunkt, ohne dass er es darauf anlegte. Vor allem Mädchen und Frauen flogen regelrecht auf ihn und umringten ihn, egal ob klein oder Oma. Dann rollte seine Schwester wieder mit den Augen, aber sie gönnte ihm die Freude. Er war schließlich ihr Lieblingsbruder.
Der Junge war schön, die Welt war ebenfalls schön und ein großer Abenteuerspielplatz und am Schönsten war es, wenn sich keiner einmischte, der bereits Bartwuchs hatte oder sich die Beine rasierte.

Die Geschichte spielte in einem kleinen Dorf, es könnte aber auch eine große Stadt gewesen sein. Jedenfalls war dieser außergewöhnliche Junge, der Stolz seiner Eltern. Und sie hätten ihn gern wie einen Musterknaben mit Anzug und Hemd gesehen. Seine Schwester zog schließlich auch schöne Kleider an und sah elegant aus und so. Aber der Junge war eigenwillig. Ihm war nicht egal, welche Kleidung er trug, und er hatte eine ganz eigene Vorstellung von Eleganz. Auch zog er nicht an, was man von ihm erwartete, ganz anders als seine Klassenkameraden. Die trugen, was eben grade da lag oder einem entgegen fiel, wenn man die Schranktür öffnete. Oder was Mama sagte. Der Junge Tom aber, machte sich Gedanken, was er am nächsten Tag anziehen wollte, drapierte alles am Boden wie eine menschliche Gestalt und ging schlafen.
Die Tanten hatten es längst aufgegeben, ihm Kleidung zu schenken, weil ihm das meiste, was man für Jungs kaufen konnte, nicht gefiel. Und er schämte sich auch nicht, es den Tanten direkt ins Gesicht zu sagen. Das war für die eine oder andere manchmal schwer zu ertragen, aber auch Tanten sind lernfähig und ließen es schließlich bleiben, ihm seltsames graues, braunes und anderes dunkles Zeug zu kaufen. Jungszeug, eben. Die coolen Tanten gingen mit ihm shoppen und wunderten sich nur anfänglich, in welche Geschäfte er sie zog und an welche Regale. Seine sichere Hand beim Aussuchen der Kleider weckte schieres Staunen in allen Erwachsenen. So war das.
Eine Tante jedoch, schenkte ihm eines Tages ein lila kariertes Hemd. Das sah eigentlich ganz schön aus, aber irgendwas an dem Hemd war unheimlich. Er hängte es sofort in den Schrank und schloss die Tür.
Eines Morgens öffnete er diese Schranktüre, um sich etwas zum Anziehen herauszuholen, er hatte gerade die Hand nach oben gestreckt, spürte er einen stechenden Schmerz im Unterarm. Etwas hatte ihn gebissen. Er schrie und wollte die Hand schnell zurückziehen, doch es hielt ihn so fest wie ein Schraubstock mit Zähnen. Er stemmte sich dagegen, was den Schmerz verstärkte, der sich tief in sein Fleisch bohrte. Das Gesicht tränennass, schrie er immer fort, als seine Mutter hereinstürmte, um zu sehen, was geschehen war. Sie sah des Jungen erschrockenes Gesicht, und seine eine Hälfte im Schrank stecken. Was ist? rief sie.
Da endlich kam die Hand frei und er sank vor dem Schrank zusammen. Die Mutter stürzte zu ihm, umfing ihn mit ihren großen Armen. Sie kauerte sich zu ihm, fragte besorgt, ob er sich verletzt habe. Der Junge schüttelte den Kopf, obwohl die Stelle, wo er  gebissen worden war brannte wie Feuer. Er untersuchte Hand und Arm. Die sahen aus wie immer. Aber der Schmerz war noch da und er hielt sich die Stelle.
Langsam beruhigte er sich wieder. Trocknete die Tränen. Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit. Er saß da und überlegte. Er wollte es nochmal wissen, stand auf und spähte vorsichtig in den Schrank. Da hing dieses lila karierte Hemd und machte schmatzende Geräusche. Wenn er es recht betrachtete, grinste es ihn sogar hämisch an. Er war sich sicher, dass es das Hemd gewesen war, das ihn gebissen hatte. Aber er traute sich nicht, das Hemd aus dem Schrank zu werfen und die Mutter tat es nicht, da half kein Bitten und Flehen. Das schöne Hemd! sagte sie immer und ließ es da hängen, in der Hoffnung, er würde es doch einmal anziehen. Der Junge seufzte und mied die Abteilung, wo das Hemd hing.
Er überlegte sich, dass er aus dem, was er sonst noch hatte, alles mögliche machen konnte. Er schnitt Ärmel ab und Löcher in T-Shirts. Vor allem fasste er nie mehr in jene Abteilung im Schrank. Und von da an, zog der Junge nie mehr ein Hemd an.
Vielleicht wurde er später Modedesigner und erfand etwas Neues, nur keine Hemden!