Das Märchen von der Zickigen Prinzessin

Wie man sich slbst akzeptiert und dabei die Angst vorm Tellerrand verliert
oder wie Kinder einen zwingen, die eigene Komfortzone zu verlassen

Es lebte einmal eine Prinzessin, die glich eher einer Ziege, sie mä-te und maulte über alles und jenes. Alles bewertete sie – schön, häßlich, so oder so, sagte jedem und allem, wie was sein solle und ließ keine Widerrede gelten. Wenn sie sich stur stellte, konnte sich ihr keiner nähern, ohne einen Tritt in Bauch oder Hintern fürchten zu müssen. Sie war bockisch und zeigte ihre gelben Zähne und bald wuchs ihr auch ein weißer Bart. Ihr Zimmer war ein schön bemalter Suppenteller: Zwiebelmuster blau-weiß.
Darin lief sie umher, immer im Kreis und zeterte und giftete und hielt Monologe. Naja, manchmal fragte sie auch, aber nur, um nicht gleichgültig zu erscheinen, eigentlich interessierte sie niemand, außer sie selbst.
So lief sie also Runde für Runde in ihrem Suppenteller, so dass das Blau des Zwiebelmusters an manchen Stellen schon ganz abgelaufen war. Aber sie meinte, das käme daher, wenn man sich um die ganze Welt kümmern müsse und es bliebe einem ja nichts erspart und deshalb der ganze Einsatz. Sie seufzte und hob die Hände gen Himmel wie der Pfarrer am Sonntag in der Fernsehandacht.
Sie ging nämlich nicht zur Kirche, weil sie ihr Zimmerteller nie verließ. Nie im Leben! rief sie und lief einmal mit, einmal gegen den Uhrzeigersinn und war Gottfroh nicht in das Grauen jenseits des Tellers blicken zu müssen.
So dachte sie, bis sie eines Tages bemerkte, dass ihre Hüften ein wenig rundlicher wurden. Ach Schwamm drüber, – winkte mit der Hand ab und befahl der Zofe, die zu ihr geklettert war, das Kleid ein wenig weiter zu machen. Jedoch – sie wurde runder und runder. Ein gut sichtbares Bäuchlein zeigte sich.
Schwanger? Das konnte nicht sein, hatte sie doch nie jemand anders als die Zofe in ihr Teller gelassen. Der Bauch wuchs und die Verwunderung der Prinzessin mit dem weißen Ziegenbart ebenso.
Von draußen riefen die Kinder in einem Singsang: Prinzessin Zicke wurde dicke! Keiner weiß warum und sie stellt sich nur dumm! Keiner mags sagen, denn das kostet Kopf und Kragen!
Das hörte die Prinzessin an manchen Tagen, wenn ihr der Wind die Häme zutrug und insgeheim traf es sie tief. Dann rollte ihr eine kristallklare Träne die Wange herunter. Die wischte sie schnell weg und lief eine neue Runde, und schon war’s vergessen. Aber drinnen drückte sie der Magen. Ansonsten ging es gut, war sie doch in Erwartung eines unbeschreiblichen Ereignisses:
Nach 9 Monaten gebar Prinzessin Zicke also eine kleine Prinzessin. Ah, was soll’s. Die Hebamme beglückwünschte, sah das Kindlein an und sagte: „ganz die Mama! Glückwunsch, Euer Hoheit.“
Die Prinzessin strahlte und nahm das kleine Bündel in Empfang. Doch wie erstarrte sie, als sie in das Gesicht des Kindchens blickte. Es glich eher einer Ziege denn einer Prinzessin und hatte einen zarten weißen Flaum am Kinn. Doch wie das so ist, alle Mütter lieben ihre Kinder und alle Kinder lieben ihre Mütter – manchmal auf eine sehr eigene Weise. Und so gewann die Prinzessin das Kleine lieb. Sie küsste und koste die kleinen Händchen der kleinen Prinzessin und legte damit ihren Kummer darein und augenblicklich ward ihr leichter zumute.
Es war, als hätte ihr Herz sich erweitert: Zärtlich betrachtete sie ihr bärtiges Kind. Sie nährte es, badete es, streichelte es. Sie setzte sich mitten ins Teller und sang ihm Lieder vor, die sie seit ihrer eigenen Kindheit nicht mehr gesungen hatte. Sie spürte den seltsamen Zwiespalt, erfüllt von der Liebe zum Kind und fragend, wo der eigene Platz nun war und was zu tun sei. Das Kind wischte mit seinem Lächeln all ihre Gedanken weg und die Prinzessin herzte ihr Zickenkind, das ihr zum Dank in die Brust biss. Aber die Prinzessin nahm es der Kleinen nicht übel. Mit Bissigkeit kannte sie sich gut aus. Sie lachte und ihr Zickenbart kitzelte dem Kind übers Gesicht.
Zu Anfang war das alles wunderschön. Doch das Kind wurde größer und lauter und machte der Prinzessin zu schaffen. Es aß dies nicht und das nicht und das war öde und dies zu wenig. Die kleine Zicke war für die große Zicke schwer zu ertragen. Sie krabbelte und lief wie eine wilde Ziege im Teller herum, dass es die Prinzessin fast wahnsinnig machte. Außerdem stahl die Kleine der Großen das Lieblingswort und das war nun wirklich gemein! Nur weil man klein ist, darf man doch nicht alles! NEIN! Das war ihr Wort gewesen! Nun hatte es die Kleine für sich geschnappt und es war kein einziges NEIN mehr übrig für die Große.
Was die Prinzessin auch sagte, die Antwort der kleinen war immer NEIN! Das war sie nicht gewohnt. Sie wollte selbst wieder einmal nein sagen, aber alle neins schienen verbraucht.
Das war alles nicht so schlimm weil relativ überschaubar in ihrem Teller, aber es veränderte Prinzessin Zicke.
Eines Tages geschah jedoch etwas, womit niemand gerechnet hatte:
Die kleine Zicke krabbelte den Zwiebelmuster-Tellerrand hoch und Plums! fiel sie aus dem Teller.
Zu Hilfe! Schrie die Prinzessin, rettet meine kleine Zicke! Doch die Pagen hatten Urlaub, die Zofe war beim Frisör und König und Königin ließen sich wie immer nicht blicken. Die Prinzessin raufte sich die Haare, biss sich auf die Lippe, geriet in Panik. Sie beugte sich, ein Knie und die Hände auf den Rand gestützt. Jedoch – sie sah ihr Kind nicht mehr. Die Kleine war weg! Zicke! Kleines! rief sie, doch keine Antwort kam.
Die Prinzessin am Tellerrand lugte vorsichtig hinüber. Was sollte sie nur tun? Ihre Gedanken um ihr Kind machten ihr große Angst.
So tat sie etwas, das sie noch nie getan hatte: Sie kroch zum Ende des Tellers, setzte sich mit ihren gebauschten Kleidern und ihrem Prinzessinnenpopo auf eine der blauen Blumen und ließ die Beine über den Rand herunterbaumeln. Das war gar nicht so beängstigend, wie sie gedacht hatte... Als ihre Beine lange genug gebaumelt hatten, ließ sie sich schließlich heruntergleiten.
Wow, wie sah die Welt dort anders aus, so aus der Nähe! Vorsichtig setzte sie einen Schritt vor den anderen mit ihren kleinen zierlichen Prinzessinnenpantöffelchen. Sie öffnete den Mund vor Staunen und befühlte die Vorhänge der Säle, das Holz der Schränke, das Glas der Fenster und ging schließlich zur Tür. Als sie hindurch trat, sah sie zum ersten mal die Sonne. In echt.
Und da im Gras neben dem Schloßteich saß ihr Kind, dessen Bart hell, fast durchsichtig im Sonnenlicht leuchtete. Mama – du hier? rief die Kleine. Die große Zicke lief zu ihrem Kind – und sah ihr eigenes Spiegelbild im See. Sie stand am Rand und schaute in ihr wässriges Abbild. Da kroch die Tochter Zicke heran und beide betrachteten sich im stillen Wasser. Sie blinzelten einander an. Sich selbst zu erkennen ist für die meisten Leute ein großer Augenblick. Da brach ein Lachen wie das Plätschern eines Gebirgsbachs aus der Großen und der Kleinen hervor und sie lachten und lachten, wie sie nie zuvor gelacht hatten. Sie sahen einander in die Augen und ihre Bärte erzitterten. Und sie freuten sich, zwei Zicken zu sein, Prinzessinnen, die sich getraut haben, über ihren Tellerrand zu schauen.