Der Junge mit den 6 Zehen

wie es ist, anders zu sein und Bärenkräfte entwickeln


Da war doch dieser Junge, der hatte 6 Zehen. Und wie das so ist, wenn man anders ist als die anderen, wird man manchmal deswegen gehänselt. Oder fühlt sich seltsam, weil anders sein ist manchmal anstrengender und nicht so gern gesehen. Nun bestimmt so ein Zeh nicht so sehr das Aussehen wie eine dicke Warze im Gesicht oder eine windschiefe Nase oder so, möchte man meinen, aber der Junge litt trotzdem darunter.
Und er gab seinen Zehen die Schuld, wenn mal was nicht so lief, wie er wollte. Er hätte eigentlich glücklich sein können, aber er wollte nicht, wegen der vermaledeiten Zehen.
So ging er immer allein mit seinen Eltern in den Urlaub und möglichst wohin, wo man nicht in Badehose und mit nackten Füßen sein musste.
Seine 5 ersten Zehen waren ganz normal vom Großen bis zum kleinen Zeh und der sechste und letzte war außerordentlich groß. Und das sah komisch aus, fand der Junge. Und so versteckte er seine 6 Zehen immer in viel zu großen Schuhen, weil sie mehr Platz brauchten. Und so schlappte er etwas seltsam daher, weil er natürlich nicht bequem darin laufen konnte.
Aber jetzt waren Ferien und er brauchte sich keine Gemeinheiten anzuhören und er fuhr mit seinen Eltern in den großen Wald. Abenteuerurlaub. Mit Schuhen.
Die ersten Tage waren schön unaufregend und vollkommen friedlich – wenn man mal die Eltern außer Acht ließ. So strolchte er mit seinen Eltern den ganzen Tag im Holz umher, kletterte über Felsen, schlug sich durch Büsche. Jedoch, auf einmal stand ein riesig großer Bär vor Ihnen. Der Junge mit den 6 Zehen wusste von einem spottenden Jäger, dass man einen Baum hinaufklettern solle, wenn ein Bär auftauche, um zu sehen, was es für einer war: kam der Bär hinterher, war es ein Braunbär. Schlug der Bär den Baum um, war es ein Grizzly. Was für ein Blödsinn. Aber das kam ihm just in den Sinn und er konnte sich vor Angst nicht bewegen.
Der Bär tobte gar fürchterlich und selbst seine Eltern waren stumm wie Fische geworden, obwohl sie sonst immer was zu sagen hatten, wie alle Eltern. Der Bär brüllte, ich fresse Euch, ihr könnt heraussuchen, wen. Die Eltern waren über die Maßen entsetzt und überlegten, wie alle Eltern, sich zwischen die Gefahr und das Kind zu werfen, aber sie stritten stumm, wer es machen sollte. Aber da sprach der Junge. „Bär, ich hätte einen Zeh für dich übrig. Das ist zwar kein riesiges Stück Fleisch, aber es ist von mir und ich würde ihn dir geben.“ Er stand nahezu unerschrocken vor dem großen Bär, dem er vielleicht bis zum Bauchnabel ging. Er musste den Kopf weit in den Nacken legen, um hoch zu den kleinen schwarzen Knopfaugen zu sehen.  Ein wenig beängstigend war es schon, wie ihm aus dem Maul der Geifer troff und die spitzen Zähne blitzten. Sein Atem stank bis zu ihm hinunter. Aber der Junge blieb stehen.
Der Bär war beeindruckt von so viel Mut und wär‘ der Junge ein Bär gewesen, hätte er ihn vielleicht adoptiert. Aber so nickte er nur, sah den Jungen Schuh und Strumpf ausziehn, sein scharfes Abenteuermesser nehmen, die Zähne zusammenbeißen, und den dicken 6. Zeh abschneiden. Er fiel kurz um und schien ein wenig benommen, aber er rappelte sich wieder auf und überreichte dem Bären den blutigen Zeh. Der schnappte sogleich danach und machte sich vom Acker, denn wer weiß auf welche Idee er sonst gekommen wäre, wo es so lecker nach Blut roch. Am Boden fand der Junge dann einen Zahn. Den hatte sich der Bär offensichtlich ausgebissen oder so. Alter Bär. Der Junge hob ihn auf und steckte ihn ein. Als Talisman. Als Symbol für sein neues Leben ohne den verhassten 6. Zeh.

Die Eltern kamen herbei, als alles vorüber war. Der Vater hielt ihm ein Pflaster hin, das ihm vom Zeigefinger hing. Der Junge nahm es, ohne sich weiter um die beiden zu kümmern und klebte es auf die blutende Stelle an seinem Fuß, wo einst der 6. Zeh gewesen war. Dann zog er sich Strumpf und Schuh wieder an und ging weiter. Die Eltern gingen ein paar Schritte hinter ihm her. So streifte der Junge durch den Wald, die Eltern hinter ihm her. Und wie man sehen kann, ist es nicht immer ein Schade, wenn man was verliert. Der Junge hatte sich Zeit seines Lebens nichts anderes gewünscht. Es tat weh, ja, aber anders. Es war besser zu ertragen als der 6. Zeh.
Doch nun lief er fast heiter, mit 5 Zehen, die Eltern ließ er hinter sich. Nahezu. Da tat es auf einmal ein KAwuuuums! und die drei Familienmitglieder fanden sich in einer tiefen Fallgrube wieder.

Als sie wieder zu sich gekommen waren, erschien oben am Rand der Grube eine Gestalt. Hallo, Junge, entschuldige, dass du da ’reingeraten bist! Ist alles in Ordnung? Äh, ich bin eigentlich hinter einem Bären her… Der Junge reckte sich nach oben, umklammerte mit der Hand den Bärenzahn in seiner Tasche und ließ sich heraushelfen. Seine Eltern standen mit großen Augen da und sagten wieder mal nichts. Sie sahen ihn an wie einen Fremden.
Der Mann stellte sich als Medizinmann vor. Spezialgebiet: Zaubertränke. Oh, sagte der Junge, hast du auch einen Trank, der was verschwinden lässt? Natürlich! posaunte der Medizinmann. Gut, sagte der Junge, ich hätte da ein Anliegen: ich wurde mit 6 Zehen an jedem Fuß geboren. Einen 6. Zeh bin ich schon los. Aber den anderen habe ich noch. Das ist mir einer zu viel. Kannst Du mir helfen?
Der Medizinmann hielt sich das Kinn mit dem grauen struppigen Ziegenbart und meinte, dass das schon gehen sollte... er verschwand, kam mit einem Korb voller Fläschchen und ausgehöhlten Früchten zurück, in denen aller Farben Flüssigkeiten schaukelten. Hier ist er. Der Zaubertrank! Er hob ein braunes Fläschchen gen Himmel. Aber nur einen Schluck! Er reichte es dem Jungen. Der Junge trank davon, wie ihm geheißen. Seine Eltern glotzten und sagten nichts. Offensichtlich hatten sie ihr Gedächtnis verloren und ihn vergessen. Vielleicht waren sie doch Außerirdische und er hatte es all die Jahre nur nicht bemerkt. Schließlich ging man schlafen. Wie Fremde, die sich zufällig in einem fremden Wald getroffen hatten, legten sie sich unweit voneinander auf die Erde und schliefen ein.
Am nächsten Morgen fehlte dem Jungen der 5. Zeh, am Mittag schon der 4. und langsam wurde ihm bang, er würde alle Zehen einbüßen. Das kommt davon, wenn man sich mit Zauberern einlässt, schalt die Mutter. Wie eine Schallplatte mit Sprung. Mehr denn je außerirdisch. Darauf sagte der Junge nun nichts. Er wandte den Kopf ab. Sie sagte grundsätzlich das Falsche. Als würde etwas in ihrem Ohr in etwas anderes verwandelt und kam als verzerrt an und provozierte eine grundsätzlich hochnotüble Reaktion. Was, wenn man jedes ihrer Worte so peinlich findet, dass man im Boden versinken möchte?
Er tauchte aus dem Gedankenfluss auf. Ja, seine Zehen. Wie lange er wohl noch welche hatte? Seltsam, wenn man alles daran legt, etwas loszuwerden, wird man manchmal mehr los, als einem lieb ist, dachte der Junge bei sich. Er stand auf und lief los, den Zauberer zu suchen.
Er fand ihn beim Mistelschneiden hoch oben in einer Birke. Birkenmisteln. Verleihen Flügel denen, die nicht mehr an das Leben glauben und lassen sie entweder hinfortfliegen oder sanft auf der Erde landen. Der Zauberer sprach mit sich selbst. Was willst Du? wie beiläufig sagte er es, ohne aufzusehen, äh, hinabzusehen.
Ich bin aufgewacht und jetzt habe ich zwei Zehen weniger, als ich vertragen kann. Hmmmm. Woher willst du wissen, wie viele Zehen gut für dich sind? fragte der Zauberer.
Der Junge war erstaunt. Ja, woher wusste er das? So viele Menschen können doch nicht irren, und wieviel Zehen habt eigentlich Ihr? Ich? fragte der Zauberer, natürlich 5 an jedem Fuß. Seht Ihr, entgegnete der Junge, das ist, was ich auch möchte: so zu sein, wie alle anderen, zehenmäßig. Denn wenn ich so bin wie die anderen, kann ich mich aufmachen, mir zu überlegen, worin ich anders sein möchte.
Hmmm, machte der Zauberer, der sich jetzt doch zu ihm gewandt hatte und dabei seinen Bart strich. Du hast nicht unrecht. Er machte eine lange Pause, die nur vom Gezwitscher der Vögel gefüllt wurde.

Dann will ich dir helfen. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Zauberer mit seinen geschnittenen Misteln und seiner goldenen Sichel von der Birke geklettert war. Birken sind zum Klettern gänzlich mies geeignet, das weiß jeder. Und hinab geht es im Leben zwar oft schneller, das gilt aber nicht für das Bäumeklettern.

Als der Zauberer auf dem Boden angekommen war, klopfte er sich das lange hellgraue Gewand und deutete mit einer Bewegung der rechten Hand auf den Jungen: wir brauen einen neuen Zaubertrank. Dazu brauche ich dein mittleres Haar. Würden wir deinen Kopf teilen, einmal von einem Ohr zum anderen und einmal von der Stirn geradeaus nach hinten – das Haar, wo sich beide Schnitte träfen, ist dein mittiges Haar.
In Ordnung sagte der Junge, fing an, sich das Haar oben in der Mitte zu durchforsten und riss sich schließlich das mittlere Haar aus und übergab es dem Zauberer.

Die zweite und dritte Zutat sind noch schwieriger zu erlangen, sprach dieser, als er das Haar entgegen nahm und in einen Beutel, den er um seinen Hals trug, steckte. Der Junge blickte ihn fragend an.
Bärensaft und ein Zahn von einem Bären. Der Junge erstarrte. Die Begegnung mit dem Bären war ihm noch so lebendig. Das kann ich nicht... das geht nicht, stammelte er. Und wich dabei ein paar benommene Schritte zurück.
Wie? Willst Du nicht deine Zehen wieder? Ja, aber nicht um diesen Preis! der Junge schleuderte den Vorwurf dem Zauberer direkt ins Gesicht.
Nun, du wirst dich entscheiden. Der Zauberer wandte sich um und ließ den Jungen stehen.
Der wiederum zauderte und rang mit sich. Tränen liefen ihm die Wange hinab. Da beschloss er, lieber ohne Zehen zu leben und wieder anders zu sein als die anderen. Nun gut. Für was waren schließlich Schuhe erfunden worden? dachte er bei sich und putzte sich mit dem Ärmel Rotz und Tränen ab.

Er lief zurück zum Platz, wo sein Gepäck und seine Eltern waren. Wie vermutet, hatten sie sich nicht bewegt, seit er weggegangen war. Er grüßte sie kurz guten Morgen, nahm seinen Rucksack auf und marschierte los. Ein wo-willst-du-denn-hin-Junge schallte ihm noch nach, aber er drehte sich nicht um. So lief er eine ganze Weile, bis er am Fluss ankam, der den Wald teilte. Der Junge war durstig und legte sich nieder, um zu trinken. Da fiel ihm auf, dass er nur noch seinen großen Zeh spürte. Na wenn schon.
Dabei fiel ihm sein besticktes Taschentuch, sein gläsernes Messer und seine Sehkugel aus Windfedern und Kristall, kurz also der gesamte Inhalt seiner Tasche ins Wasser, wo der Fluss es augenblicklich alles mit sich trug. Ohne zu überlegen sprang er hinterher.

Weiter unten spülte der Fluss dem Jungen an eine Insel mitten im Fluss. Wie eine getaufte Maus schleppte er sich auf das Eiland. Neben sich am Kiesstrand fand er wie durch ein Wunder die drei Gegenstände, die ihm ins Wasser gefallen waren, während der Fluss weiter floss. Den Rest der Insel bedeckte tiefschwarze satte Erde, aus der ein schöner Baum mit ausladenden Ästen und einer majestätischen Krone wuchs. Der Junge zog sich weiter zum Baum hin, sank erschöpft gänzlich zu Boden, rollte sich hinten über. Doch da, wo er warme Erde wähnte, spürte er plötzlich Festes und Haariges. Er fuhr hoch, wie gebissen. Da lag der Bär! Der Junge wich bis zum Rand des Wassers zurück und gefror wie er da stand.
Nichts geschah.
Bär? seine Stimme schien ihm nicht zu gehören, es war eher ein heiseres Kieksen. Etwas fester kam das zweite Bär? Der Bär regte sich keinen Millimeter.
Da fasste sich der Junge ein Herz und kam wieder näher, Schritt für Schritt setzte er bedächtig auf den Kies und dann auf die Erde. Bis er beim Bären angekommen war. Bär? Das ist kein Spiel. Schläfst Du? Er stieß ihn schnell vorsichtig mit dem Schuh an. Erst ganz sacht wie der Tritt eines Maikäfers, dann fester.
Der Bär aber rührte sich nicht. Er war tot. Plötzlich wusste der Junge Bescheid und eine tiefe Trauer überkam ihn. Er sank nieder und lehnte sich an den Bären. O Bär.
Er war den ganzen Tag da gesessen, die Dämmerung hindurch und hatte dem Dunkelwerden zugeschaut bis die Konturen des Ufers von der schwarzen Tinte der Nacht verschluckt wurden. Sterne zogen auf, als hätte jemand mit Schrot Löcher ins Firmament geschossen, durch die kleines Licht drang.
Er hörte sich atmen und die Geräusche der Nacht, während er an den Bären gelehnt nur Schwarz sah – mit Löchern. Es war ihm, als sei der Bär noch anwesend und strahle eine subtile Wärme aus, die ihn schließlich entspannte und einschlafen ließ, als er gerade überlegte, ob er sich Angst machen wollte oder nicht. Aber wie gesagt, schlief er vorher ein und so störte nichts seinen Schlaf.
Als er aufwachte, ging die Sonne gerade auf und der Bär hatte seinen Körper verlassen. Das spürte der Junge sofort. Er nahm sein gläsernes Messer und schnitt dem Bären in die Pranke. Der Junge fing in seiner Trinkflasche auf, was aus der Wunde floss. Mit Schaudern näherte er sich dem Maul und klappte die Maulhaut weg. Ein Zahn... wenn er noch einen nehmen könnte... und den in seiner Hosentasche als Talisman behalten... Vorsichtig berührte er die Zähne und tastete mit seinem Finger die ganze Zahnreihe ab. Fest. Alle fest. Zu fest. In Ordnung, dachte der Junge. Aber ich wünschte, du gäbst mir noch einen Zahn.
Kaum hatte der Junge dies gedacht, fiel ihm der mächtige Eckzahn in die Hand.
Dankbar stand er auf und streichelte noch einmal das Fell des Bären.

Er steckte den zweiten Zahn in die andere Hosentasche und hängte sich die Feldflasche um. Dann watete er, den Rucksack über den Kopf haltend, durch den Fluss. Er ging durch den Wald, orientierte sich an der Sonne, bis er endlich wieder beim Zauberer ankam.
Er zog den Zahn aus der rechten Hosentasche und reichte ihn dem Zauberer, dann nahm er die Trinkflasche ab und sprach: Bärensaft. Und übergab auch diese dem Zauberer.
Der lächelt und nickte und machte sich alsbald ans Werk, den Trank zu brauen. Als er fertig war, konnte es der Junge kaum erwarten, davon zu trinken.
Er tat es und sein Schuh drückte. Er zog Schuhe und Strümpfe aus und sah seine neuen Zehen wachsen.
Er zählte immer wieder nach und kam immer nur auf 5. Fünf! Endlich 5 Zehen, wie die anderen.
Er dankte dem Zauberer und fragte, was er ihm geben könne. Doch der winkte ab und sagte schließlich, dass er nicht abgeneigt sei, den restlichen Bärensaft behalten zu dürfen, wegen anderer Zaubertränke. Bärensaft kann man immer gut gebrauchen.
Der Junge nickte lachend und ging seiner Wege. Als er auf dem Nachhauseweg abermals an der Insel vorbeikam, war der Bärenkörper verschwunden. Da wo der Bär gelegen hatte, wuchsen jedoch Pflanzen mit sternernen weißen Blütenkugeln und Blättern wie breites Gras. Der Junge pflückte davon und es roch wie beim Teufel unterm Sofa oder wie der Bärensaft, den er aufgefangen hatte und küssen würde danach schwierig sein, das ahnte er schon. Er aß dennoch davon, zumal ihm niemand einfiel, den es heute noch zu küssen galt. Die Pflanze schmeckte scharf und tat ihm so gut und fühlte sich an, als hielte sein Inneres Frühjahrsputz.
Im Gedenken an den Bären nannte der Junge die Pflanze Bärlauch. Ab da fand er sie gar mancherorts und aß immer wieder von der stinkend duftenden Pflanze. Davon wurde er sehr stark. Später erfuhr er, dass die Menschen ihm nachsagten, er habe „Bärenkräfte“.

Immer, wenn ein Bär stirbt, entsteht an ebendieser Stelle Bärlauch. Und da bei uns so viel Bärlauch wächst, könnt Ihr Euch sicher vorstellen, wieviel Bären es einmal gegeben haben muss.



Schluss2
Als er weiter ging, fiel ihm auf, wieviel Bärlauch es überall gab. Immer in großen Flecken. Und er war sich sicher, dass er dort wuchs, wo einst ein Bär gestorben war. Nun könnt ihr euch sicher ausmalen, wie viele Bären es früher gegeben haben muss. Nun gibt es hier keinen mehr, außer einen vereinzelten Bruno. Aber Bärlauch ist da. Zuhauf.


Schönheit zieht mehr als Ochsen.