Der Schweineprinz

von einem Mann, der sich in ein Schwein verwandelt

Es lebte einmal eine wunderschöne Prinzessin, die hatte ein kleines Kind. Die beiden lebten in einem Schloß mitten in einer schönen Stadt mit grünen Bäumen und grauen Straßen. Sie hatten genug zu essen und zu trinken und hatten es schön miteinander. König und Königin waren vor langer Zeit verschwunden, und man wusste nicht so genau, wohin. Also blieben die beiden im Schloss in der schönen Stadt.
Wer sie besuchen wollte, musste eine hohe Leiter besteigen, denn unter dem Schloßdach war es am Schönsten. Ihre Fensterläden waren oft geschlossen und manchmal fuhren die beiden aufs Land. Sie fielen einander um den Hals, wenn sie glücklich waren, wischten sich die Münder von ihren nassen Küssen, schliefen, aßen, malten Bilder und beobachteten die Wolken, die über die schöne Stadt zogen.
Das wäre ein erträgliches Leben gewesen, hätte sich die Prinzessin nicht nach einem stattlichen Prinzen gesehnt. Nach einem, der vermochte, sie aufs Pferd zu setzen, mit dem sie Schmetterlinge betrachten konnte und in der Küche Eichhörnchen und Hummer kochen. Sie sehnte sich nach einem, an den  zu lehnen sich lohnte und der sich an sie lehnte und dabei auf seinen eigenen Beinen stand. Und furchtlos musste er sein, um sie bei der Hand zu nehmen und mit ihr in den Keller zu gehen, in dem es spukte.
Als ihr Sehnen einmal unerträglich groß war, beauftragte sie den besten Erfinder der Stadt, eine Prinzenfalle zu bauen. Sie zeichnete einen umständlichen Plan mit ihrer Lieblingsfarbe schwarz. Bald schon war die Konstruktion fertig gewesen: sie hing aus ihrem Fenster, unten war ein aus Düften und Worten gesponnenes Netz, in das der Prinz laufen sollte. Und siehe da, schon bald verfing sich einer darin, er schimpfte dabei laut und zerriss die Wortfäden und schluckte den Duft.
Die Prinzessin lief die Treppen hinab mit wehendem Kleid und half dem verstörten Prinzen hinauf in ihr Gemach. Sie hegte und pflegte ihn und glaubte daran, dass er war, was sie suchte, aber nach ein paar Jahren wurde es grauer und grauenvoller um die beiden und ihr Kind. Sie lebten in verschiedenen Zimmern.
So begleitete sie ihn schließlich mit Tränen in den Augen hinaus und hieß ihn zu gehen.
Er besuchte sie ab und zu, kam aber nicht mehr in ihr Schloß. So empfand die Prinzessin wieder jenes Sehnen, das sich von der Brust in ihrem ganzen Körper ausbreitete und darüber hinaus. Als sie es wiederum nicht mehr aushielt, ging sie zum Fest bei der Wiese des Nachbarschlosses. Es wehte ein starker Wind und plötzlich wehte der Prinzessin ein Hemd, so fein und rein in die Arme, wie sie noch keins gesehen hatte.
Den Blick gesenkt, bewunderte sie noch das feine Leinen, in dem es gesponnen war, als dessen Besitzer mit verschwitztem Gesicht und einem Lächeln vor ihr auftauchte. Der Hemdenprinz stellte sich mit einem kurzen Nicken vor und zeigte beim Lachen seine Zähne. Das gefiel der Prinzessin und sie schöpfte Hoffnung für Ihr Herz. Sie erlaubte sich von da an, die Fensterläden weit zu öffnen und lugte mit ihrem Fernrohr zum Schloss des Hemdprinzen. Des Abends, wenn er auch am Fenster stand, konnten sie sich winken.
Das war der Prinzessin jedoch nicht genug. So bedeutete dem Prinzen, zu ihr zu kommen. Er kam, als die Sterne schon funkelten und ging vor Morgengrauen. Dann wartete sie auf Nachricht von ihm. Ab und zu sah sie ihn an seinem Fenster, wo er ihr unverständliche Gebärden zeigte und war wieder für lange Zeit verschwunden.
Die Prinzessin, deren Herz nun fast zu platzen drohte, so erfüllt war es mit Sehnen und Liebe für den Prinzen, beschloss, nicht mehr länger zu warten.
Sie packte die Prinzenfalle in ihre goldene Kutsche, fuhr des Nachts zu ihm und machte sie am Schloss des Prinzen fest. Als der Morgen heranbrach, zappelte er bereits darin. Sie wickelte ihn behutsam in Fäden, gesponnen aus langen Worten und setzte sich zu ihm.
Als die Sonne aufging, passierte etwas, das die Prinzessin umgehauen hätte, wäre sie nicht bereits gesessen: Als der erste Sonnenstrahl den Prinzen erreichte, stieg eine dicke Nebelwolke um den Prinzen auf und er verwandelte sich in ein… Schwein.
Die Prinzessin blickte fassungslos auf das rosa Borstentier, erkannte weder im Rüssel noch im Körperbau mehr Ähnlichkeit mit dem Prinzen. Allein der Blick erinnerte sie an ihren Geliebten. Er hatte sich verwandelt, sie verstand weder, was er mit seinem Grunzen meinte, noch verstand sie, warum er sich verwandelt hatte. Sie wartete. Die Sonne versank in der Ferne und er erhielt für die kurze Nacht seine menschliche Gestalt wieder, vermochte ihr jedoch nicht zu erklären, was es mit seiner Verwandlung auf sich hatte. Als der Morgen anbrach, wurde er wieder zum Schwein. So ging das einige Nächte und Tage und sie entschied sich schweren Herzens, ihn frei zu lassen. Sie verbrannte die Prizenfalle und ging zurück in ihr Schloss.
„Immerhin habe ich Schwein gehabt“, sagte sie zu sich. So entstand das uns bekannte Sprichwort. Und wenn jemand von Euch einen Prinzen kennt, der sich des Tags nicht in ein Schwein verwandelt, möge er bitte der schönen Prinzessin in der schönen Stadt Bescheid sagen, oder besser noch, ihn gleich zu ihr schicken.