Der zerstreute Professor

von leeren Bäuchen, Wunden und wie man Bienen zuhört

Ein Professor wurde von allen nur der zerstreute Professor genannt. Er hatte seine Sachen, seine Finger überall. Und wenn er etwas brauchte, war es nötig, dass er manch langen Weg zurücklegte, um das gute Stück zu finden, das er gerade suchte. Aber er war Meister im Finden. So fand er seine Brille wieder, seine Socken und seine Frauen. Jawoll, er unterhielt eine Reihe von ihnen und sie alle bewunderten ihn auf die eine oder andere Weise.
Aber irgendwie schien der Professor nicht von dieser Welt. Er gehöre dem Meer, erzählte man sich. Mal war er ganz nah, mal weit weg. Er wußte schon einiges von Nähe und davon, wie man anderen in die Augen schaut. Salziges Wasser war ihm vertraut. Er kannte den Geschmack von Königinnen und Bettlerinnen und von solchen, die nicht wußten, was von beidem sie waren. Schließlich war er viel herumgekommen. Und überall wo er war, streute er seine Worte in den Wind und ins Wasser. Wer wollte, fischte sie auf.
 
Wenn keiner sie hörte, seine Worte, hefteten sie sich an die Wolken, wo sie irgendwo abregneten. Mit langen Schritten, seinem Schirm aufgespannt kam der Professor wie gerufen, beschwor den Regen und half aus den nassen Kleidern. Manche Frau reihte sich in die Reihe seiner Frauen, dankbar, und wartete, bis er wieder mal vorbei kam. Ungezählte Stunden standen die Frauen mit rot bemalten Lippen am Fenster und hielten Ausschau nach ihm. Und immer hatte jede ein Stück Kuchen für ihn parat – manchmal mit Sahnehäubchen, manchmal mit bitteren Orangen. Und er kam immer wieder vorbei, denn er war im Grunde eine treue Seele.
Manche brachen den Kontakt ab, weil sie dies Kommen und Gehen nicht ertragen konnten. Ja bist du denn das Meer? sagte eine, als er über sie gekommen war wie die Flut und dann wieder ging wie die Ebbe. Und er lächelte. Und sagte nichts darauf. Er verstaute das Erlebnis und das Bild der Frau in einer Kammer irgendwo. Und so fort. Und so füllten sich Kammern an den verschiedensten Orten der Welt mit seinen Sachen.
Er selbst war reich – nicht nur an Geist – die (Frauen), die zu ihm kamen, steckten ihm hie und da noch etwas zu, damit sein Reichtum sichtbar würde und er ein Schiff kaufen konnte. Und ab damit über die sieben Meere. Er hatte keinen Briefkasten, an dem die Sonne seine Briefe hätte einwerfen können.
Aber Papier war ihm nicht so wichtig, eher das, was darauf stand. Und die Schwalben brachten ihm jede Nachricht, woimmer er war. Und so sammelte er nicht nur Frauen, sondern auch Wissen und Vogelhäuschen.
Wenn er Hunger bekam, legte er an. Er hatte Freunde, bei denen er sein konnte, die ihm ein Dach gaben. Aber haben wollte ihn keiner auf Dauer. Vielen machte er Angst mit seiner unsteten Art, konnte man doch auf ihn zählen und dann wieder nicht. Er zog umher und lehrte vom Leben. Und was er gelesen hatte. Er schien an nichts zu hängen. Er war irgendwie anders und groß und das war den Menschen von jeher unheimlich.

Ihr merkt schon, über ihn zu berichten ist so einfach nicht und gleicht dem Versuch, den Wind zu malen oder das Rauschen der Wellen zu beschreiben. Wir wollten ein Interview mit ihm, aber wo soll man jemanden treffen, der nicht mal einen Briefkasten hat? Also warteten wir auf Antworten von ihm.

Auch der Professor kannte das Warten. Er kannte es so gut, dass es weh tat: Warten auf Frischen Wind. Der sollte ihn wieder gerade blasen. Schief kam er daher wie der Turm von Pisa – Schlagseite erlitten am Leben. Sein Kurs schlingerte und er konnte nicht immer gerade fahren. Aber ein gerader Kurs ist auch nicht immer der direkte Weg, wußte unser Professor, der sehr viel wußte. Und er sagte sein teigiges <ja> und schiffte gemessenen Schrittes weiter. Von einem Ort zum anderen.

Eines Tages kam eine Frau, die ihn anschaute, wie er sie anschaute, er berührte sie und sah ihre Tränen und machte ihre Lippen zittern. Sie wiederum faßte ihm beherzt mitten in sein Herz. Sie sprachen viele Worte und erzählten einander von farbigen Stürmen und von Meeren aus Licht. Das traf ihn tief, aber sicherheitshalber ging er zur Tagesordnung über: auf sein Schiff und Blick gen Horizont. Sicher ist sicher! Er segelte weiter. Vagabunden-Leben. Die Leute riefen ihm nach: Auf Wiedersehen, zerstreuter Professor!
Der Professor malte dunkle Bilder in seine Kajüte und entschied sich, Wasser zu befahren, die er bereits kannte. Die Frau sah ihm nach und winkte mit einem rotgepunkteten Tuch. Er blickte in die andere Richtung.

Als er so segelte, fiel ihm plötzlich auf, dass er inmitten seines Körpers ein riesiges Loch hatte. Er hatte das nie zuvor bemerkt. Vielleicht hatte die Frau mit ihrem Griff in sein Herz seine „Verpackung“ beschädigt? Nie war ihm das Loch aufgefallen. Durchgreifen! dachte er. Schön, sagten die Leute. Man kann die Welt dadurch betrachten wie durch einen Bilderrahmen!
Der Professor lächelte unecht. Er war gespalten, wie so oft und hielt einerseits Vorträge über sein mittiges Loch und andererseits schämte er sich dafür.
Eines Abends, er legte sich schlafen, erschien ihm seine Mutter im Traum. Sie sagte Junge, sei nicht dumm, gib' den Menschen, was sie wollen, sie werden dir doch nicht den Stoff reichen, aus dem deine Träume sind und sie drehte sich um und ging, herzlose Geste, und die Sehnsucht war geblieben, als er erwachte. Seine Mutter, lange hatte er nicht an sie gedacht und an deren Rockzipfel, an dem er noch irgendwie hing.
Den ganzen Tag gingen ihm der der Traum und der Rockzipfel nicht mehr aus dem Kopf. Schließlich hisste er die Segel und fuhr dahin, wo er mit seiner Mutter gewohnt hatte. Er ging ins Haus, das noch stand, in den Garten mit dem Apfelbäumchen und als er just wieder gehen wollte, weil ihn so gar nichts berührte, fand er ein Stück Stoff um einen Ast gebunden, der wohl die Vögel verscheuchen sollte. Es erinnerte ihn an die Röcke, die die Mutter getragen hatte. Er nahm das Stück Stoff, löste es, betrachtete es lang. Befühlte es zwischen seinen Fingern. Ausgefranst und gezeichnet von Wind und Wetter war es. Dann legte er es zusammen – faltete bedächtig die Enden aufeinander – eins – zwei – drei und legte das Stoffpäckchen in die Höhle seines Lochs. Mittenrein. Er tat dies ohne Hast und ohne nachzudenken.
Seine Schwalben fanden ihn im Gestrüpp unter dem Apfelbaum mit tränenüberströmtem Gesicht. Er hatte sich in die Sonne gelegt und seine Mutter im Traum geherzt. Da war sein Loch in der Mitte ein gutes Stück kleiner geworden und das tat ihm gut bis in die Zehenspitzen. Er ging im Dorf umher, das einst sein Dorf gewesen war und er sah Gesichter, die er einst gekannt hatte, Freunde und so genannte. Seltsamerweise gab ihm jeder, den er traf, ein Stück zurück. Einmal war es eine Feder, einmal ein abgebrochener Bleistift, eine Schleife, ein Käfer, ein Stück Rinde, eine Haarsträne, ein verrotztes Taschentuch – alles Teile seiner Geschichte und er legte eins nach dem anderen in sein mittiges Loch. Manchmal beutelten ihn schlimme Gefühle, manchmal leuchtete er vor Glück. Aber gerade das Unangenehme machte ihn auf eigenartige Weise Stück für Stück vollständig. Auf einmal spürte er sich wieder, wie er sich als Kind gespürt hatte und alles war leicht. Beschwingten Schrittes ging er zum Dorfplatz. Er setzte sich unter die Dorflinde auf die Bank, auf der er einmal geküsst hatte. Auch diesen Kuss legte er gedanklich in sein inneres Loch. Das war schön.
Lächelnd stand er auf und bestieg sein Schiff. Er wollte gen Westen, aber der Wind trieb ihn ab und er strandete weit im Osten, wo die Sonne aufging. Dort wohnte seine Tante. Auch bei ihr fand er etwas Verlorenes. Die Tante lächelte ihn an, obwohl eine dicke Wunde mit altem Blut sie entstellte. Hexe! dachte er und verwarf es wieder. Wie konnte er nur so über die Tante denken! Er war Professor, er sollte es besser wissen. Und schließlich lächelte er zurück.
Das Finden machte ihn glücklich. So ging er nach und nach an die Orte, an die er sich erinnerte, zu den Personen, die wichtig waren. Im Guten wie im Schlechten. Und er legte die Fundstücke in sich zurück. Die Teile führten ihn zu den Erinnerungen zurück und er vergoß heiße und schmerzvolle und glückliche Tränen. Und letztlich waren sie alle eine Wohltat.
Zum Abschluss besuchte er seine Frauen, eine nach der anderen. Als er ihre Kuchenstücke gegessen und auch das jeweilige verstreute Teil von sich gefunden hatte, war er vollständig. Das heißt – beinahe.
Als er wieder aufs Boot gestiegen war, erwischte ihn der Postbote und brachte ihm einen Wäschekorb voller Briefe, die bislang nicht angekommen waren. Er las jeden Brief aufmerksam. Die ihn nichts angingen, steckte er  in leere Flaschen, die unter Deck lagen und schon lang entsorgt werden wollten, verkorkte sie und warf sie als Flaschenpost ins Meer.
Die, deren Geschichte ihn berührten, nahm er an. So legte er schließlich den letzten Brief wie ein letztes Puzz­leteil unter sein Herz. Und er war wieder ganz.
Da erfüllte ihn tiefe Zufriedenheit. Er setzte sich auf sein Schiff und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Es gab nichts mehr zu tun. Leicht schaukelte das Schiff und die Sonne verstreute glitzernde Diamanten auf dem Wasser. Glücklich schlürfte er seinen Tee und blickte an sich herunter. Ganz und gar heil. Eine Biene und ein Stachelschwein ruderten vorüber und sangen ihm zu: schön ist es, auf der Welt zu sein... Der Professor lachte laut.
In diesem Zustand fand ihn die Frau, die ihm ins Herz gefasst hatte.