Des Kaisers neue Farbe

über gewalttätige Wünsche und kleine Giftzwerge

Ein Kaiser war außer sich vor Zorn und Wut, seine rechte Hand hatte er bis zur Daumenwurzel in den Jackenschlitz gesteckt. Was hatte er nicht schon alles für die Welt getan – Länder erobert, Kräuter in die Gärten der Barbarischen Bayern gebracht und nun? Sie hatten ihn tatsächlich auf eine gottverlassene Insel verbannt. Mit Haut und Haar. Ohne seine geliebte Josephine. Die Zornesröte war ihm ins Gesicht geschrieben, verbannt und allein und gering geschätzt.
Und das ihm, des Kaisers von eigenen Gnaden. So tobte und schrie er um sich und die Leute, die dabei um ihn waren, hatten es gewiss nicht leicht. So ging er, um ein neues Reich zu begründen und wenn es nur die vier Wände waren, in denen er sich aufhielt.
Er hub an zu befehlen, denn das war er gewohnt, er wolle grüne Wände. Und zwar aus allen grüns der Welt ein sehr besonderes. Man ließ den Farbenkrämer holen, der bekannt dafür war, alle Farben der Welt mischen zu können. Was natürlich glatt gelogen war, aber eine ordentliche Palette war es schon. Dieser war es gewohnt, dass ihm hohe Damen und Herren absonderlichste Farbbeschreibungen gaben. Aber bei einem Kaiser war er noch nie gewesen. Die Farben, die er herstellte, waren aus roher und gebrannter Erde, aus Holz, aus Asche, Knochen Kalk undsoweiter. Wenn Geld keine Rolle spielte, zerrieb er sogar Edelsteine im Mörser, wie fürs leuchtende Blau aus Lapislazuli. Gewisslich konnte man etwas finden, was in die Richtung des besonderen Grüns ginge. Gewisslich, Sire. Doch einen kleinen vehementen Kaiser mit einem Farbenwunsch hatte er noch nie vor sich gehabt.
Also brachte er in den kommenden Tagen und Wochen alle Grüns herbei, die er vermochte herzustellen: Grasgrün, Lindgrün, Frühlingsgrün, Maigrün, Neidgrün, Tannengrün, Olivengrün. Dann brachte er die Edelsteingrüne: Olivin und Jade und Malachit und Prehnit und wie sie alle hießen. Doch keines der mit grünem Farbpulver gefüllten Schälchen fand beim Kaiser Gefallen. Nein, das ist es nicht, bring' mir ein anderes Grün. Die Farbe müsse so sein wie das Grün da wo der Lauch von weiß zu grün wechsle. So  fing der Meister Krämer an zu kochen. Erst kochte er Lauch. Das ergab keine befriedigende Farbe, die man an die Wände streichen konnte, aber eine gute Suppe zu Abend. Dann mischte er die verschiedenen Stoffe zusammen und fand nach wochenlanger Arbeit endlich das Grün, das dem Kaiser gefiel. Der befahl, es sogleich in großen Mengen herzustellen und die Wohnräume und vor allem das Schlafzimmer damit zu streichen. Man tat wie geheißen und es war eine schöne Farbe. Der Kaiser widmete sich seinen Geschäften und fiel eines Tages tot vom Stuhl.
Was war geschehen? Man konnte es sich nicht erklären, was den plötzlichen Tod verursacht hatte. s war nichts zu erkennen, aber wie das so ist, wenn jemand unbequemes das Feld verlässt, bohrt man nicht groß nach. Und lässt es gut sein.
Eine Dekade später, untersuchte ein Mann mit seinem Chemiekasten die Wand und fand heraus, dass die grüne Farbe eine Arsen-Verbindung enthalten und den Kaiser nach und nach vergiftet hatte. Bis er eines Tages vom Stuhl fiel. Da er derjenige war, der sich am meisten in seinen grünen Wänden aufgehalten hatte, war auch er es, der das meiste der grünen Farbe eingeatmet hatte. Und das meiste vom Arsen.
So hatte er seinen Willen bekommen und war letztlich daran gestorben. Das kann uns nie und nimmer passieren. Oder?