Die 5 Prinzessinnen

über Berufung, Rente und was man im Leben will

Ein König hatte 5 Töchter, die von solcher Schönheit waren, dass die Welt ihnen zujubelte, wo sie auch erschienen. Ihr Strahlen steckte an und ihre Tugenden waren über die der Schönheit zahlreich und diese: Großmut, Großzügigkeit, Bescheidenheit Klugheit und Mitgefühl. Und alle 5 hatten ihren eigenen Willen.
Eines Tages rief der König seine 5 Töchter zu sich und sagte: meine geliebten Töchter, es ist an der Zeit, dass Ihr heiratet. Geht hinaus in die Welt und sucht Euch einen Bräutigam.
So zogen die 5 Prinzessinnen am nächsten Morgen los, eine jede in eine andere Himmelsrichtung. Jede ritt auf einem kleinen Elefanten, der prächtig geschmückt war, begleitet von zwei Zofen und vier Lakaien.

Die erste, die Älteste zog gen Osten. Nach langer Reise traf sie einen Drachen. Garfu. Er war über die Maßen klug und schön und schimmerte von blanken Schuppen in allen Farben des Regenbogens. Mit ihm konnte sie reden, durch die Lüfte fliegen und Gedanken tauschen. Vom ersten Augenblick war sie fasziniert von ihm. Er war zwar alt, jedoch das störte sie nicht. Sein Antlitz leuchtete vor Begeisterung und wurde alterslos, wenn er von seinem Wissen preisgab. Das erregte die Prinzessin sehr. Und seine Begeisterung wurde zu ihrer Begeisterung. Der weise Drache sollte ihr lieber Mann sein.
Nun gut, ein wenig ärgerlich war es schon, dass er ihren Elefanten fraß. Er erschien ihm aber auch zu lecker angesichts der sonst rein geistigen Kost. In der Regel nährte er sich durch Worte, aus Büchern und er war in China ein angesehener Professor gewesen. Aber glücklicherweise ließ er die Zofen und Lakaien in Ruhe und die Prinzessin setzte sich zwischen zwei Rückenschuppen auf ihn. So war für den Heimweg gesorgt.

Die zweite Prinzessin machte sich auf gen Norden. Dort in der kalten Steppe traf sie einen großen braunen Bären. Er gefiel ihr und sie durfte sich in den kalten Nächten in sein Fell kuscheln. Freilich bekam sie ab und zu seine großen Pranken und Krallen zu spüren, aber seine Wärme und Gutmütigkeit ließen sie darüber hinwegsehen.
Bafu fing ihnen täglich frischen Fisch aus dem Fluss und er konnte meilenweit die süßesten Bienenwaben finden. Er wusste viel vom Genießen und seit der Geschichte im Dschungel konnte er auch das passende Lied singen: probier’s mal mit Gemütlichkeit. Sein Gebrumm war schön für sie. Er sollte ihr Mann sein. So machten sie sich auf den Weg zurück zum Schloss, der Bär trottete neben her und die Prinzessin ritt auf ihrem Elefanten.

Die dritte, mittlere Prinzessin zog mit ihrer kleinen Karawane, die sie hoch auf dem Elefanten sitzend anführte, gen Westen. Sie war sehr nervös, so allein loszuziehen. Aber natülich tat sie es, schließlich war sie Prinzessin und es ging um ihr Leben! Sie wischte ihre Bedenken weg und ritt zielstrebig weiter. Manchmal schien es ihr zu langsam zu gehen. Das behäbige Schaukeln des Elefanten war so gar nicht ihre Manier. Schließlich hatte sie immer schauen müssen, wo sie blieb, bei 4 Schwestern, da war die Schnelligkeit ihr vertrauter als dieses langsame hinund her. Just als sie meinte, vor Langeweile sterben zu müssen und ihr Seufzen ein Herz erweichendes Ausmaß angenommen hatte, passierte es: Plötzlich sprengte ein stolzer Hengst mit wehender Mähne daher und kreuzte ihren Weg. Die beiden mochten sich auf Anhieb. Er stellte sich galant vor, Inschu sei sein Name. Und neigte den vornehmen Hals. Die Prinzessin sattelte um und ließ sich vom feurigen Hengst forttragen. Landschaften flogen an ihnen vorbei. In gestrecktem Gallopp erkundeten sie fremde Länder und ferne Orte. Das gefiel der dritten Prinzessin sehr, teilte Inschu doch ihre Sehnsucht nach irgendwo. Sie ließen Elefant und Dienerschaft stehen und kehrten auf eigene Faust zum Schloss des Vaters zurück.

Die vierte Prinzessin ritt auf ihrem Elefanten in Richtung Süden. Als sie schon ganz weit gereist war, traf sie einen Hasen. Sein Name war Ziesohr. Er mümmelte vor sich hin spitzte seine langen Samtohren, als sie daherkam und blickte zu ihr hoch. Sie war sogleich mit ihm versüßt, packte ihn, nahm ihn an sich wie ein Kuscheltier. Sie herzte und streichelte ihn, dann warf sie ihn in die Luft und fing ihn wieder auf. Ihre Augen leuchteten dabei. Sie spielte mit ihm, duckte sich im Gras, so dass die Zofen sie nicht finden konnten und nahm ihn abends mit in ihr Bett. Er schlief auf ihrem Bauch. Bald konnte sich die vierte Prinzessin nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu leben und trat die Heimreise an, im Bewusstsein, ihr Männchen gefunden zu haben.

Die fünfte Prinzessin, die jüngste, hatte keine große Lust, weit fort zu reisen. Bereits im Wald beim Schloss hieß sie den Elefanten stehen zu bleiben, als sie kaum einen Steinwurf von der Schlossmauer entfernt waren. Ihre Zofen und Lakaien sahen einander verwundert an. Die Prinzessin stieg ab und spazierte im Wald umher. Eine wunderschöne Lichtung tat sich vor ihr auf. Die Sonne badete den Platz in Morgengold und tausende Tautropfen glitzerten wie Diamanten auf den Gräsern ringsum. Sie ließ den Blick schweifen, da entdeckte sie einen Jäger, der über einen erlegten Hirsch gebeugt war. Er zog den Hut, verneigte sich vor dem Tier, gab ihm einen letzten Bissen ins Maul. Neugierig ging sie näher. Mit einem Messer brach er das schöne Tier gekonnt auf und seine Hände starrten vom warmen Blut. Er weidete die Innereien aus und ließ sie auf der Erde liegen. Die Fuchsfamilie würde sich gewiss sehr darüber freuen.
Die Prinzessin stand dabei und betrachtete alles interessiert. Aß sie doch gern Fleisch. Ihr war bekannt, dass dafür ein Tier sterben musste. So war es doch natürlich zu sehen, wie man es machte, dass es zart gebraten auf dem Teller lag. Die Achtung, mit der der Jäger dies tat, rührte sie. Das Fleisch würde sicherlich ausgezeichnet schmecken.
Er erhob sich und schien nicht im geringsten erstaunt, dass sie da stand. Seine tiefe Verbeugung verriet ihr aber, dass er wusste, wer sie war. Sie kannte die meisten Leute, die am Königshofe arbeiteten, aber diesen hatte sie noch nie gesehen. Auch sie neigte den Kopf. Ich will von dir lernen, sagte die Prinzessin.
Der Jäger lächelte. Er breitete seinen Umhang mitten auf der Lichtung auf den Boden und bedeutete der Prinzessin, sich zu setzen. Wartet, wenn ihr möchtet, Prinzessin. Ich werde das Tier zum Schloss bringen, damit die Küche es weiter versorgen kann, es ist zu kostbar, um es liegen zu lassen. Ich werde bald zurück sein.
Die Prinzessin nickte und setzte sich in den Sonnenschein.
Sie betrachtete die Schmetterlinge und Käfer, Bienen und Spinnen um sich, die Blüten und Gräser, die Bäume, die sie umstanden und war einfach nur still und freute sich des Lebens. Am späten Nachmittag kehrte der Jäger wie versprochen zurück. Er setzte sich zu ihr und zog ein Schächtelchen hervor.
Prinzessin, ich habe ein Geschenk für euch. Hub er an zu sprechen. Die Prinzessin machte große Augen. Ein Geschenk? Für mich?
Er nickte und öffnete das schlichte Schächtelchen. Da hinein könnt ihr Eure Herzenswünsche legen. Von Zeit zu Zeit zieht das Schächtelchen hervor und seht nach, ob die Wünsche noch zu Euch passen. Wenn sie das tun, gehen sie in Erfüllung. Einer nach dem anderen.
In dem Schächtelchen lagen drei Dinge: eine Herzkugel, eine goldene Uhr und Muschelohrringe. Er nahm die goldene Uhr und legte sie an das Handgelenk der Prinzessin. Damit könnt ihr die Zeit auflösen. Jeder Augenblick wird ewig sein und wenn ihr wollt, könnt ihr in Zukunft oder Vergangenheit reisen. Verdeckt ihr das Ziffernblatt mit der anderen Hand, seid ihr augenblicklich wieder im Jetzt. Dann heftete er ihr die Ohrringe an und sprach: mit diesen Ohrringen könnt den Raum überwinden. Weit entfernte Orte sind nur Illusion. Alles liegt Euch zu Füßen. Ihr braucht nur die Augen zu schließen und den Kopf zu bewegen, dass die Muscheln klingen und schon seid ihr, wo ihr wollt. Egal, ob es ein Platz auf dieser Welt oder einer anderen sei. Fasst ihr gleichzeitig mit beiden Händen an beide Ohrringe, reist ihr sanft und lichtesschnelle wieder hierher in euer Schloss.
Und diese Herzkugel – er sah die Prinzessin bedeutungsvoll an – ist das kostbarste der drei Dinge: sie bringt in jedem Wesen augenblicklich die reine Liebe zum Vorschein. Damit könnt ihr Kriege beenden und Neid und Hass verwandeln. Es ist das mächtigste Instrument, das es auf der Erde gibt. Mit diesen Worten legte er die Herzkugel in die Hände der Prinzessin und war verschwunden.

Die jüngste Prinzessin seufzte und wischte sich die Tränen von den Wangen, die aus ihren Augen geflossen waren, als der Jäger sprach. Dann stand sie auf und ging zum Schloss zurück. Ihre 4 Schwestern waren bereits eingetroffen, sie war länger auf der Lichtung gesessen, als sie gedacht hatte. Die Zeit ist relativ. Sie lächelte.

Die 5 Prinzessinnen umarmten einander, und schnatterten wild durcheinander, um sich ihre Geschichten zu erzählen. Und der König lächelte dazu. Als er anfing zu sprechen, schwiegen alle. Ihr habt euch aufgemacht, euch einen Gefährten zu suchen.
Ich beglückwünsche euch, meine Töchter. Er sah die vier älteren an. Jede hat den mitgebracht, der zu ihr passt. Er nickte seinen Schwiegersöhnen zu, einem nach dem anderen und die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln tanzten. Er blickte wieder zu den 4 Töchtern. Ich traue eurer Wahl und anerkenne, dass ihr sehr glücklich seid. Das macht mich glücklich. Lebt euer Leben und eure Träume und bringt eure Talente zur Welt. Und schaut ab und zu bei mir vorbei.
Mit diesen Worten entließ er die illustre Schar.
Übrig blieb die jüngste Tochter. Sie stand allein vor seinem Thron. Der König sah sie lange an. Dann erhob er sich, trat zu ihr und mit einer ausladenden Geste sagte er: du hast einen anderen Weg gewählt, meine Jüngste. Das ist nun dein Thron, wenn du magst. Ich weiß um deine Geschenke und du wirst eine sehr gute Königin in deinem Königreich sein.
Als die Prinzessin nickte, legte der alte König seinen Mantel ab, strich ihr zärtlich übers Haar, küsste ihr die Stirn und ging in den Garten, um sich in die königliche Hängematte zu legen.
Aus ihr erhob er sich nur noch, wenn ein Fest zu feiern war oder die Rosen geschnitten werden wollten. Oder wenn jemand um Rat bat.

Ja, was sollen wir noch erzählen? Die jüngste Prinzessin ward Königin. Eine gute noch dazu. Und sie regierte das Land voller Liebe und sie hatte alles und war alles, was sie jemals sein wollte. Jeder Tag war ein Fest und wer Lust hatte, kam. Zeit und Raum gibt es nicht in ihrem Königreich. Und da sie nie gestorben ist, lebt sie noch heute.

P.S. Eine Prinzessin fragt nicht, ob sie gut genug ist für den Erwählten, sondern ob er gut genug ist für sie.