Die Gebogene Angelika

Es war einmal ein Mädchen, Tochter des fahrenden Volks, viel auf Reisen, kam sie umher in der Welt. Ihre Eltern fuhren auf einem klapprigen alten Planwagen durch die Lande. Für gewöhnlich saß sie zwischen den Kisten und Kästen und Habseligkeiten ihrer Familie auf dem Wagen und wurde vom Vorwärtskommen durchgeschüttelt. Aber das war sie gewohnt, mal schaute sie in den Himmel, mal döste sie dabei und ließ ihre Gedanken schweifen.
Unterwegs waren sie immer gewesen, seit sie denken konnte. Mal hier, mal dort, in kleinen Dörfern, großen Städten, unter Luftschiffen waren sie durchgefahren, über hohle Berge waren sie gekommen, durch Zahnschluchten getappt, die silbernen Zwiebeltempel hatten sie aus der Ferne gesehen und alte einsame Hütten, deren bessere Tage vorbei waren. Es war spannend, manchmal traf man vornehme Fräuleins, die getragen wurden und beim Anblick von Pferdeäpfeln in Ohnmacht fielen, mutige glänzende Ritter, die auf ihren gezackten Drachen an einem vorbeistoben, zum nächsten Turnier, manchmal traf man auf andere Fahrende, einsame Wanderer oder lärmende Gruppenreisende. Man begegnete einander mit kurzem Blick und zog geschäftig weiter. Wenige lernte man näher kennen, man musste ja weiter und meist waren die Andern so anders, dass einem die Worte fehlten.
Einen weisen Langbärtigen hatten sie mal getroffen, der ging eine Weile mit dem Mädchen mit. Aber nach einiger Zeit wurde er krank und starb in ihren Händen. Traurig war sie gewesen, aber auch befreit und hatte ihn gehen lassen. Sie blinzelte in die Sonne. Die Gedanken flogen ihr wie bunte Vögel in den Kopf und wieder hinaus gen Himmel.

Eines Tages kamen sie an einem dunklen, verwunschenen Eibenwald vorbei. Es war heißkalt, die Luft flimmerte von Hitze und Schneekristallen über dem Weg. Keine Menschenseele weit und breit. Das war also das Land der Wintersommer, von denen die alten Legenden erzählten. Das Land, wo alles eins wird. Staunend standen sie da. Hier war alles gleichzeitig: heiß und kalt. Tag und Nacht. Das Mädchen erschauderte. Pause. Am Waldrand rasten war gut. Merkwürdig still war es: die Mutter zeterte nicht wie sonst, der Vater war in sich versunken, wie sonst, und keiner sprach, nur das Zirpen der kleinen Grillenpferdchen, die mit ihren Hufen über ihre Mähne strichen durchschnitt die eisheiße Stille. Ein schwerer Duft und der Singsang der Schwarzelfen, kleine Wesen, halb glänzende Käfer und von winziger Zartheit, betäubte alle. Auch das Mädchen. Müde legte sie sich unter eine große dunkle Fichte, die ihr Geäst wie ein Zelt herabneigte. Sie träumte, ihre Familie bräche auf, Vater und Mutter spannten einander vor den Karren und liefen los, ohne sie mit zu nehmen. Halt! Wollte sie schreien, ohne mich? Hier bin ich! Ihre Stimme wäre kreischend laut geworden, aber kein Ton kam aus ihrem weit geöffneten Mund. Sie wollte auf, konnte sich jedoch nicht bewegen. Ein dunkler Nebel hüllte sie ein.
Als sie aufwachte war sie tatsächlich allein. Naja, nicht ganz, ein paar der Schwarzelfen zupften und zogen an ihren langen Haaren, in die sie eben kleine Nester gebaut hatten. Das Mädchen schüttelte sie liebevoll ab und erklärte, dass dies nicht der richtige Platz dafür sei. Doch die Schwarzelfen (Dunkedanken) waren hartnäckig und kletterten wieder hoch. Na gut, dann bleibt eben, sagte sie und schielte ihnen nach, wie sie es sich in ihren gebauschten Haaren gemütlich machten.

Sie verspürte heftigen Durst und machte sich auf die Suche nach einer Quelle. So ging sie tiefer in den Wald, dessen dunkle Eiben sie umstanden wie riesige Gestalten, wie erstarrt, als würden sie sich im nächsten Moment auf sie stürzen. Die glutroten Eibenbeeren funkelten ihr wie tausend Augen entgegen. Nebel hüllte sie ein.
Augenblicklich musste sie schlucken und war froh, zumindest die kleinen Schwarzelfen im Kopf zu haben. Ihr Mund war eine Wüste. Ein Kloß wie ein dunkler Stein steckte ihr im Hals. Der Nebel wich, als mittendurch eine Reihe dunkler Gestalten schritten, geradewegs auf das Mädchen zu. Sie waren allesamt in schwarze Umhänge gehüllt. Alles war dunkel an ihnen. Sie erstarrte, sollte sie weglaufen? Gerade als sie verstohlen nach hinten blickte, um ihren Fluchtweg zu sondieren, blieben sie stehen.

Renn! Schnell! Bist Du wahnsinnig? Warum bleibst Du wie angewurzelt stehen zischten und fauchten die Schwarzelfen in ihre Ohren. Lauf! Die Stimmen wurden hysterischer.
Doch das Mädchen überprüfte ihre Gefühle, – sie verspürte keine Angst. Da nahm die vorderste Gestalt langsam die Kapuze ab.
Wie groß war ihr Erstaunen, als jemand zum Vorschein kam, den sie gut kannte: es war sie selbst, hell durchscheinend, dasselbe lange Haar und die kleinen Bleistiftstriche um die Augen, wenn sie lächelte. Sie hatte jedoch oft genug in einen Spiegel geblickt, um zu wissen, dass ein Spiegelbild den Bewegungen folgte, normalerweise tat es das. Aber dieses verhielt sich anders. Es lächelte sie an und sprach: ich weiß um dich, mein Enkelkind, und diese hier, sie machte eine ausladende Bewegung nach hinten zu den anderen Gestalten sind deine Ahnen, die, die dir vorangegangen sind. Ein Teil von dir kommt von uns. Du hast dein Schicksal und wir hatten unseres. Du hattest die Wahl, daran zu wachsen oder zu zerbrechen. Du hast dich für den Weg zu dir selbst entschieden. Du bist du. Wir sind stolz auf dich. Als Zeichen unserer Verbundenheit schenken wir dir diesen Bogen aus Eibenholz. Sie gab ihr einen schlichten, wunderschön verzierten mit einer Darmseite bespannten Bogen. Er ist besonders biegsam und unzerbrechlich. Und dieser Pfeil führt dich. Und er kehrt immer zu dir zurück.

Sie schaute das Mädchen erwartungsvoll an. Diese hatte nur die Augen weit geöffnet und stand vor Staunen reglos. Liebes, fuhr sie fort, du hast mindestens eine Million Wünsche frei. Den ersten erfülle ich dir, alle anderen erfüllst du dir selbst. Wenn du nicht genau weißt, welchen Weg du einschlagen sollst, schieß deinen Pfeil ab. Er folgt nur deinem Herzen. Hier hast du eine rote Rose, steck’ sie an deine Brust. Wenn du dich selbst ehrst und gut für dich sorgst, blüht sie wundervoll. Wenn du dich vergisst, welkt sie. Daran kannst du dich erkennen, wenn die Kopfstimmen die Stimme deines Herzens übertönt. Wütendes Gemurmel der kleinen Schwarzfeen war zu hören. Das Mädchen schenkte dem keine Beachtung und lächelte. Es fühlte sich wie erstarrt und butterweich zugleich. Tränen füllten wie steigendes Grundwasser ihre Augen und die Gewissheit machte sich in ihr breit, dass sie hier im Augenblick alles besaß, was sie jemals brauchen würde.
Alle Wahrheit liegt in dir. Was wünschst du dir jetzt? Das Mädchen sprach: „Ich habe Durst. Gibt es eine Quelle, zu der ich gehen kann?“

Ein Lächeln war die Antwort. Auf einen kleinen Wink flog der Pfeil noch tiefer in den Eibenwald. Die Alte schwebte schier zu dem Mädchen und umarmte sie zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Alle anderen Gestalten nickten wohlwollend. Sie spürte die tiefe Verbundenheit zu dieser langen Reihe Menschen und schluchzte. Dann wandte sie sich in die Richtung, in die der Pfeil verschwunden war, drehte sich nicht mehr um und lief. Bald schon kam sie an eine sprudelnd frische Quelle, bei der ihr Pfeil steckte. Sie trank sich satt und fühlte sich lebendig.

Da kam eine Postkutsche vorbei, auf der hinten ein Jüngling stand und ihr zurief: willst du mitfahren? Das Mädchen fühlte, dass sie wollte. Also schwang sie sich neben ihn aufs Gefährt und fuhr mit zur nächsten Poststelle. Er war der Junge von der Post und sah ihr tief in die Augen und in ihre blutrote Rose am Herzen. Er sah auch den Bogen, der ihm einige Angst machte, aber seine Augen hielten sich an den ihren fest. So blieb das Mädchen in der Post und bald darauf gebar sie zwei Kinder und war von da an Frau. Ab und zu welkte die Rose ein wenig, doch sie merkte es schnell und schoss mit großer Kraft ihren Pfeil vom Eibenbogen, um ihm zu folgen.

Manchmal kommt ihr der Eibenwald vor wie ein Irrgarten, obwohl sie weiß, dass er ein Labyrinth ist, in dem keiner verloren geht und in dem es nur einen Weg gibt: hinein in die Mitte und wieder hinaus. Dort sprudelt auch der Silberquell, mit dem sie ihre blutrote Rose gießt. Seither kehrt sie oft an diese Quelle zurück, trinkt sich satt und verteilt den Rest in der Welt. Dann kehrt sie wieder zurück in die Post.

Und ab und an kommt ihre Familie vorbei, das macht sie froh, und sie lächelt, wenn sie diesen wundervollen, klapprigen, alten Planwagen sieht, mit dem sie so weit gefahren ist. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute....