Die Höhle

der Schmetterlinge

wo Kinder sind, wenn sie nicht „da“ sind

Wenn ein Kind nicht schlafen kann, verhalten sich Erwachsene meistens komisch: „Schlaf’ endlich!“, sagen sie, aber wenn man doch gerade nicht schlafen kann ist das wie auf chinesisch beten. Irgendeiner versteht es vielleicht, ich aber nicht. Das hilft zum Einschlafen so viel wie einem Fisch ein Fahrrad.
Gewöhnlich werden Erwachsene dann ungeduldig. Zuerst kommt die Erklärung. Warum man schlafen muss. Ich schaue dann mit wachen Augen zu den krummen Gestalten, die nicht weiter wissen. Abgekämpft reden sie müde vom Krieg und können nicht sehen, dass es manchmal nichts zu schlafen gibt. Das Leben ist aufregend. Habt Ihr das vergessen? Ich schlafe, wann ich will!
Du musst ausgeschlafen sein! Der Ton wird jetzt schärfer. Was ist so toll an einem ausgeschlafenen Kind?
Mama sagt, dass Oma das auch immer sagte. Du bist um Sieben im Bett, Basta. Aber ich bin noch gar nicht müde! Ins Bett, sage ich und keine Widerrede! Um ein Haar richtige Wut.
Traurig trottet trotziges Kind in total ödes Zimmer und versteht alles nicht.
Ich putze so lang es geht meine Zähne bis sie quietschen, habe noch Hunger und Durst, natürlich nach dem Zähneputzen und Gutenachtgeschichte und Wärmflasche und Kuscheltier und dann fällt mir nix mehr ein. Dann funktioniert auch nix mehr. Die Tür schließt sich. Endgültig. Zu.
Die Wahrheit ist eigentlich, dass ich nicht ins Bett will.
Jetzt ist jetzt und die Nachtigall singt nun mal nicht zum Pausenbrot. Sie singt zum Abendkakau und das ist schlau. Wenn die Dunkelheit herbeischleicht, wie die Katze auf leisen Pfoten und die Luft mit schwarzblau und silber füllt, dann erwacht mein Besucher: Nacht. Nach der blauen Stunde füllt er mein Zimmer. Nacht heißt er,
kann zaubern. Nacht verwandelt Dinge und Geräusche: Zum Beispiel die Pflanze, die auf meinem Fensterbrett steht, wird zu einem Tier mit hundert Köpfen. Die Schublade, die noch offen steht, ist die Behausung eines Tiers. Und draußen höre ich Schritte. Heute Nachmittag hätte ich sie für Mamas Schritte gehalten, aber nun bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht ein Kumpel vom Nachtmann. Dann bin ich vor Angst wie gelähmt. Ich mache meine Füße ganz kalt, so dass ich sie nicht spüre, falls er unter meine Decke fasst und sie packt.
Dunkel und ich soll schlafen.
Ich soll schlafen.
Ich kann nicht schlafen.
Ich will nicht schlafen.
Ich rufe nach Mama. M A M A! MAAAAAMAAAAA!
Sie kommt nicht und ich kann mich nicht bewegen. Das Tier auf der Fensterbank ist da und reckt seine hundert Köpfe in die Luft und aus der Schublade, aus der vorhin noch die Socken hingen, kriecht eine dicke Schlange. Ich kriege keine Luft. Merkwürdige Schatten tanzen durch mein Zimmer. Ich drehe meinen Kopf zur Wand. Ich will das nicht mehr sehen und drücke die Augen fest zu.
Doch plötzlich kriecht Nacht dicht an meine Wimpern, und schlüpft unter meine Lider. Alles ist schwarz. Ich bleibe so eine Weile. Wo ist mein Bett? Ich spüre weder Decke noch Kissen.
Da zupft etwas an meiner Schlafanzughose. Ich öffne die Augen und sehe, dass ich stehe. Da – Nacht neben mir, er reicht mir gerade mal bis zum Knie und ich stehe barfuß auf nacktem Stein. Der Stein fühlt sich warm und glatt unter meinen Füßen an. Ich wusste gar nicht, dass Schatten einem am Hosenbein zupfen können. Er lächelt mich an mit ausladender Geste: schau’ dich um! Schau mit deinem Herz, da kannst du sogar in der größten Dunkelheit sehen. Das habe ich vor langer Zeit sogar schon einem kleinen Prinzen erzählt. Mhmm, nicke ich. So sehe ich also zu, wie Nacht länger und länger wird. Ich wusste, du kannst zaubern, sage ich schaue zu ihm auf und er lacht. Wir scheinen in einer Höhle zu sein, Nacht macht einen Knick, wo die Decke anfängt. Kein Geräusch wohnt hier. Dunkelheit ringsum. Ich drehe mich einmal um mich, wie ein Uhrenzeiger und doch weiß ich nicht wo zwölf ist. Aber es ist auch egal. Langsam gehen wir den dunklen Gang entlang – das heißt,er gleitet durch die Dunkelheit und ich folge. Manchmal stoße ich mich an einem Stein oder trete auf eine Kante. Das ist unangenehm, aber wenn ich nicht denke, geht es schon. Ich folge dem Schatten wie ein japanischer Tourist dem Fremdenführer.
Da erkenne ich erst ein schwaches, dann immer stärker leuchtendes Licht. Gelb und warm. Höhle. Und jetzt fällt mir jeder Schritt leichter, weil die Augen sich orientieren und endlich nicht mehr Schwarze sehen. Blindenheilung? Aber Blinde sind blind. Die haben keine Wahl. Oder doch?
Nacht bedeutet mir, stehen zu bleiben und ich bleibe. Wir sind am Ende des Ganges angekommen, wo die niedrige Höhle sich zu einer riesigen Kuppel auftut. Das helle Licht strahlt wie eine Sonne – Augen gewöhnen. Doch wie bleibt mir der Mund offen stehen, als ich sehe, was von oben leuchtet: tausende und abertausende von Schmetterlingen hängen kopfüber wie die Fledermäuse an der Decke. Sie schillern in den buntesten Farben und Mustern. Keine Worte vermögen es zu beschreiben und ich weiß nicht, wo ich zuerst hinsehen soll. So stehen wir da, ich und Nacht und schauen nach oben und bestaunen die Flügel, die Licht auf uns werfen. Hier ist ein vibrierendes Summen zu hören, Engelgesang mit Bienen, es kommt von den viel tausendschönen sacht bewegten Flügeln, die nebeneinander und übereinander und miteinander tönen. Überirdisch schön.
Ich weiß nicht, ob ich Stunden oder die ganze Nacht dort gestanden habe, gebannt von diesem erhebenden Anblick, dem vielstimmigen Atmen der Höhle. All diese Flügel schienen zu einem Geschöpf zu verschmelzen und waren einfach da. Was bedeutete ihnen Zeit? Was machten sie tagsüber?
Nacht holte mich aus meinen Gedanken zurück, als ich ihn an meinem rechten Ohr spürte. Es sind die Kinder, die vor Angst nicht schlafen können und mit mir hierher kommen. Ihre Eltern hören ihnen nicht zu. Jede Nacht hole ich sie. Jede Nacht dürfen sie sich verwandeln und zusammen spielen. Am Morgen bringe ich manche wieder zurück in ihre Betten.
Ich staunte. Diese Schmetterlinge sind alle Kinder? Nacht nickte. Und alle kamen hierher aus Angst? Wieder nickte er. Hierher können alle kommen. Immer. Die Angst lassen sie in ihrem Zimmer zurück. Und hier können alle sein, wie sie sind. Ächt? Du hast gesagt, du bringst manche wieder zurück. Nicht alle? Das ist richtig. Wer Geschmack daran gefunden hat, kann für immer hier bleiben.
Aber was ist mit denen daheim? Fällt doch auf, wenn man so einfach verschwindet. Du bist nicht einfach verschwunden. In Deinem Bett liegt sowas wie deine Hülle gefüllt mit Angst. Nacht lacht.
Wow, abgefahren. Alles hier war abgefahren und dass ich mit einem riesigen Schatten sprach, der Nacht hieß und behauptete, alle Kinder zu entführen, weil die das wollten, war die Krönung.   
Ich schwieg eine Weile. Das ging nicht so leicht in meinen Kopf.
Du kannst auch mit dem Herzen hinhören! Dann brauchst du es nicht zu verstehen und zu zerpflücken wie eine Blume, der du die Blätter ausreißt. Dein Herz ist der Chef. Nicht der Kopf! Auch wenn alle auf der Erde so tun, ist es noch lange nicht die Wahrheit. Außerdem weißt du jetzt, dass bei den meisten nur noch Hülle mit Angst zu Hause ist.  

Wie kriegt man Flügel? Solche schönen bunten?

Wenn du dran glaubst, wachsen dir welche.

So stand ich da und versuchte Flügel. Und nichts geschah.
Ich wartete. Lehnte mich an die Wand. Sah hoch zu den anderen. Ich glaube, ich kann das nicht. Und ließ mich zu Boden sinken. Sind die Tag und Nacht hier in der Höhle? fragte ich, um abzulenken.

Ächt? fragte Nacht nun und ich sah, er wollte mich verarschen. Was glaubst Du, wie die anderen das gemacht haben? Glaubst du, Zweifeln hilft? Nacht lächelte. Was glaubst du? Wir beide Auge in Auge.

Ich glaube, mir wachsen Flügel. Und schon hob ich ab. Ich sah meine leuchtenden Flügel, zart und wie mit gelbem, rotem, blauen und schwarzen und weißen Puder bestäubt, sie trugen mich sanft und schnell nach oben. Ich setzte mich zu den anderen, oben unten kopfüber war egal, es fühlte sich gut an.
Ich bewegte was, atmete die Luft. Da hörte ich meinen Ton. Erst war es mir nicht bewusst, dann kam er klar und ausdauernd flog er nach allen Seiten weg.

Die anderen jubelten und grüßten mich auf ihre Art. Das war cool. Ich sah hinunter zu Nacht, der lässig am Höhlengang lehnte und heraufgrinste.

Wir sangen solo und tausend Stimmen zugleich, mein Herz riesengroß. Allmählich schwoll der Ton an und wurde lauter und lauter, das Gewölbe vibrierte und platzte – Plop. Der  Himmel war blau, die Blumen dufteten und wir schwärmten aus. Den ganzen Tag hüpfte ich mit anderen von Blüte zu Blüte, flog Saltos und saß in der Sonne, trank süßen Nektar ohne hinterher Zähne putzen.
Gegen später flogen wir alle Sonnenuntergang, bis wir uns wieder im Gewölbe fanden. Nacht lehnte noch immer oder wieder an der Höhle und ich ließ mich zu ihm nieder.

Na?

Danke! Platzte es aus mir heraus und ich umarmte ihn stürmisch, wie man einen Schatten nur umarmen kann.

Soll ich dich nach Hause ins Bett bringen?

Wie spät ist es?

Abend. Schlafenszeit.

Ein Tag war ich schon weg gewesen. Ich stand da, unschlüssig, was tun? Na gut, ich komm’ mit. Bring mich heim.

Nacht ging wieder voraus, im Gehen merkte ich, dass meine Flügel kleiner wurden und schließlich in meinen Schultern verschwanden. Ich tastete ungelenk nach hinten. Nichts mehr zu spüren. Krass.
Da standen wir auch schon im Zimmer. In meinem Zimmer. Ich legte mich ins Bett und Nacht deckte mich zu. Wenn du willst, kommst du wieder in die Höhle der Schmetterlinge. Und weg war er.

Ich wachte auf. Es war hell und Mama rief FRÜÜÜHSTÜCK! Ich schlappte in die Küche, setzte mich und schlürfte Kakau. Morgen-Kakau. Geträumt?

Da drehte Mama sich um und sagte: Kind, du warst gestern irgendwie abwesend, ich dachte schon, du wirst krank! Du solltest heute früher schlafen gehen!

Ich rollte die Augen. Und grinste. Und wusste ab da, warum den Menschen beim Anblick der Schmetterlinge das Herz aufgeht. Sie alle erinnern sich an ihren Teil, der mit den Schmetterlingen fliegt und heil und frei ist. Ich geh’ auch wieder hin. Vielleicht schon heute Nacht.

Psst. Nacht??? Wo bist Du?