Ein Schiff wird kommen

von Schlagern, Unheilbo(o)ten, Hoffnung und gänzlich unnötiger Angst

„Ein Schiff wird kooohooommmen,…“ sang das Radio eines Morgens. Die Frau hatte immer geglaubt, dass die Leute im Radio die Wahrheit sagen. So dachte sie sich, ja, ich warte und ging nach draußen an den Strand. Sie stellte sich ans Wasser – nicht zu dicht –, Salz in der Nase und den Blick an den Horizont geheftet, wo das Schiff kommen sollte. Da stand sie nun, mit Armen, die den Rumpf umschlungen, mit wehendem Kleid und wehendem Haar, alles in Blond und getaucht in schönes Licht, wie im Film. Als es Nacht wurde, ging sie heim, schlafen.
Am Morgen nach dem Kaffee stellte sie sich wieder an den Strand und wartete aufs Schiff, das kommen sollte. So ging das Tag um Tag, eine Woche lang. Ebenso die zweite, die dritte und die vierte Woche.
Eines frühen Morgens erschien ein Punkt, da, wo das Schiff kommen sollte, wo der Ozean an den Himmel stieß. Ein kleiner, man könnte sogar sagen, ein winziger Punkt, dunkel und zu unscheinbar, als dass man in Freude hätte ausbrechen können, vor allem nicht nach 4 Wochen Warten. Aber der Punkt wurde größer, heller und erhielt langsam die Kontur eines Schiffs. Bald war es zu erkennen, es war ein weißes, sehr schickes Schiff. Ein Traumschiff, sozusagen. Es kam geradewegs auf sie zugefahren, just wie in ihrer Vorstellung. Da es einen gewissen Tiefgang hatte, blieb es in einem vornehmen Abstand draußen im Meer stehen. Ein Anker wurde geworfen. Platsch.
Die Frau wartete weiter und nichts geschah. Das Schiff blieb, wo es war und sie stand am Strand.

Sie fing an, auf und ab zu gehen im Sand, weil nichts passieren wollte und sie hoffte es doch so sehr. Fast wurde sie ungeduldig. Fast auch hätte sie begonnen, nachzudenken, was zu tun sei. Doch da kam ein Schwanenpaar – der eine fasste sie unter der rechten Achsel, der andere unter der linken – und brachte sie so zum Schiff. Die Frau staunte nicht schlecht, was hier alles unternommen wurde, um der Geschichte eine schöne Wendung zu geben und ergriff die weiße Leiter, die am Schiffsrumpf empor führte. Fehlte nur noch die Filmmusik.

Sie vergaß, den Schwänen zu danken und setzte vorsichtig einen Fuß an Deck, als fürchte sie, das Schiff könne wie ein Traum zerplatzen, wenn sie zu fest auftrete. Aber nichts geschah. Es blieb still. Sie holte den zweiten Fuß nach und beschritt das Schiff, das aus der Nähe nicht halb so elegant aussah, eher ein wenig verkommen und ungepflegt. Schritt für Schritt bewegte sie sich wie jemand auf unbekanntem Terrain. Eigentlich war es halb verrottet. Und keiner war da. Seltsam. Ein so großes Schiff musste doch gesteuert werden. Es war ganz sicher keiner von Bord gegangen. Sie hatte es ja nicht aus den Augen gelassen.

Als sie das Deck umrundet hatte, was wegen der Größe schon einige Zeit beanspruchte, stieß sie auf eine Tür. Der Knauf quietschte erbärmlich, sie öffnete sich jedoch leicht wenn auch mit einem gruseligen Knarren. Eine Treppe führte hinab, an deren Fuß links ein Raum, der nicht neu aussah, aber zumindest nicht verrottet. Ein Esstisch, ein Schreibtisch war zu sehen und ein Haufen Stühle, die aber auf eine Seite gerutscht waren, wegen des Seegangs, vermutete die Frau. Aber auch hier war niemand zu sehen. Der Abend brach herein. Ein Geist erschien.

Die Frau hatte gehörig Angst, sah jedoch gleich, dass der Geist mit sich selbst beschäftigt war und von ihr nichts wollte. Er ging an die Maschinen und ließ den Motor an. Vielleicht war es ratsam, nichts zu sagen und leise zu atmen, dachte die Frau und tat es. Irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu und irgendwann erwachte sie wieder. Der Geist war weg und als sie an Deck kam, befand sich das Schiff nicht mehr vor ihrem Strand. Es war heller Tag und sie war irgendwo. Aber da sie zu Hause nichts zu versäumen meinte, nahm sie es hin.

Ein rauer Wind blies und sie ging wieder nach unten mit ihrem luftigen Kleidchen. Da sah sie im Raum der verschobenen Stühle ein Vöglein sitzen. Grün und rot war es und als sie sich ihm näherte, begann es zu sprechen. In der Nacht muss ich Geist sein, des Tags bin ich ein Vogel. Ich setze mich auf Deine Schulter, das ist meine Aufgabe, und ich soll fragen, ob Du heute bereit wärst zu sterben.
Die Frau erschrak fürchterlich, das war klar. Ich habe einen Vogel, der mich fragt, ob ich heute sterben will? Alles drehte sich um sie und sie hatte kein Wort zu sagen. Die Panik hielt sich fest an ihr wie ein Kind, das nicht von Schlangen gebissen werden will.
Der Vogel schwieg auch, aber offensichtlich aus anderem Grund: er wollte Antwort. Sie nahm den Mut zusammen, wandte den Kopf hin und her – erst langsam, dann schneller und bestimmter: nein, nein! sollte das heißen – konnte hier vielleicht noch verhandelt werden?

Der Vogel sprach: also nicht bereit zu sterben?

Nein. Ich möchte erst mehr von der Welt sehen, presste die Frau mühevoll hervor.

Mhmmmm. Der Vogel wiegte den Kopf hin und her: Dann fahren wir fort.
Die Frau, die während des Gesprächs die Luft angehalten hatte, atmete erleichtert aus. Das war alles wirklich seltsam. Sehr seltsam.
Der Vogel hielt den Rest des Tages den Schnabel, blieb aber auf der Schulter der Frau sitzen.
Am Abend verschwand er und der Geist erschien, ging ans Steuer und am nächsten Morgen waren sie wieder woanders. Palmen überall und weißer Strand und wie im Prospekt.
Gespannt suchte die Frau, diese Gegend zu entdecken, sprang von Bord, besah sich alles, roch an allem, schmeckte alles, hörte allem zu, fasste alles an und begriff doch nichts. Nachmittags wurde sie wieder aufs Schiff gebracht und das Vögelchen setzte sich auf ihre Schulter und zwitscherte ihr die Frage von gestern ins Ohr: wärst du heute bereit zu sterben? Abermals schüttelte die Frau den Kopf und so ging die Reise weiter.
Jeden Morgen ging das Schiff woanders vor Anker und jeden Nachmittag fragte das Vögelchen seine Frage und jedesmal schüttelte die Frau den Kopf. Tag um Tag, Jahr um Jahr.
Irgendwann hatten sie dann die ganze Welt umrundet und alles gesehen. Da setzte sich das Vögelchen wieder auf die Schulter der Frau und stellte die Frage. Wärst du heute bereit zu sterben, jetzt, wo du die ganze Welt gesehen hast? Der Frau wurde bang, und sie schüttelte abermals den Kopf. Lange und ernst, fast verzweifelt.
Was mach’ ich nur mit Dir? zwitscherte das Vögelchen neben ihrem Ohr und die Frau zuckte mit den Schultern, aber wohl war ihr nicht dabei. Und so brach es aus ihr: ich will aber leben!
Das Vögelchen sah die Frau an, und soweit man sagen kann, dass ein Vögelchen verwundert drein blicken kann tat es dies. Wie kommst du darauf, du dürfest nicht mehr leben? Ich fragte lediglich jeden Tag, ob du bereit WÄRST zu sterben, was kann ich dafür, dass du mir all die Jahre nicht zugehört hast! Die Frage zielte darauf ab, zu sehen, ob du schon satt seist vom Leben und von der Welt da draußen. So satt, dass du zufrieden sagen würdest: jawoll, ich bin so richtig glücklich und erfüllt, besser geht nicht, jetzt könnte ich zufrieden sterben.

Die Frau starrte den Vogel an. All die Angst umsonst. Für nichts. Aber dann dämmerte es ihr. Mit diesem Glauben hatte sie die Welt besehen, gerochen, gehört, angefasst und gekostet mit dem Geschmack der Endlichkeit auf der Zunge und nichts und niemanden festgehalten. Und nun begriff sie auch. Sie schloss die Augen und dachte bei sich, warum sie denn dann immer noch nicht satt geworden war von all der Welt. Und weil sie nicht dumm war, kam sie auf die logische und einzige Lösung: wenn das auf der ganzen Welt nicht außen zu finden war, was mich gänzlich zufrieden machen kann, muss ich innen bei mir suchen. So erkundete sie zuerst ihr Schiff, von dem sie aus lauter Bequemlichkeit nurmehr den Raum mit den verrutschten Stühlen und das Deck kannte. Sie begann, jeden Raum, jede Kajüte im Bauch des Schiffs zu erkunden und fand sogar ein weiß bezogenes Bett. Stück für Stück setzte sie das Schiff wieder in Stand, so dass es nicht nur von der Ferne schick aussah. Das machte sie schon froh, irgendwie, aber als sie auch davon nicht zufrieden ward, setzte sie sich an Deck, wehendes Kleid, wehendes Haar, schloss die Augen, Sonne und Salz auf ihrer Haut. Und so betrat sie den einzigen Raum, den sie bis dato gemieden hatte wie die Pest: Sie schaute, was sie in sich fand. Und entdeckte ihre Welt unendlich. Und da bekam sie langsam eine Idee davon, dass das Warten sich nicht gelohnt hatte. Schiff der Frommen, Schiff wird kommen, so’n Quatsch! Das hätte sie auch ohne Schiff haben können. Aber dabei lachte sie laut und hell und klar in den sternenbehangenen Abendhimmel.