Finger weg von kleinen Prinzessinnen!

ich darf „nein“ sagen

Es waren einmal zwei Prinzessinnen, die waren so klein, so süß und so unschuldig, dass jedermann, der sie sah, am liebsten von ihnen kosten wollte. Zuckerstangen ähnlich sahen sie aus in ihren pastellfarbenen Kleidchen mit Gerüsch und Gepuff und die Sonne erhellte ihre blonden Locken, dass es eine Pracht war.
Weit und breit gab es in jenem Land damals nichts Süßes mehr. Selbst die Bienen waren ausgestorben und Zuckerrüben wollten trotz aller Bemühung nicht wachsen. Der Klee, der noch jedermanns Hoffnung auf Glück war, blieb auch eines Tages aus und wuchs nicht mehr auf den Wiesen. Anderes kannte man nicht. Das Land war zwar reich und hätte sich Zucker kaufen können, doch niemand auf der Welt hatte damals genug Zucker für sich selbst, so dass keiner auch nur ein Paket verkaufte. Die Regale in den Geschäften, die für die Zuckerpakete und Zuckerhüte und Zuckerstangen, die für die Süßigkeiten und Schokolade gedacht waren, blieben leer.
Das erinnerte schmerzlich an den Verlust. Der Minister kündigte drastische Änderungen an. Deshalb baute man neue Supermärkte ohne Süßwaren-Abteilung. Dann fiel es nicht mehr so sehr auf, aber das Gefühl des Mangels an Süßem blieb den meisten Menschen als schmerzliche Leere im Bauch erhalten.
In diesem Land war alles Grau: Der Himmel, die Erde, die Luft, das Wasser, das Feuer, das nur aus Asche bestand, die Menschen, die Straßen, selbst die Haustiere – grau.
Die Menschen hatten graue Gesichter und die Mundwinkel hingen ihnen nach unten. Aschfahlen Gespenstern glichen sie. So wandelten sie durch die Straßen. Hielten Ausschau und hungerten nach Süßem. Auch die Leute im Schloss waren gänzlich grau und farblos und ohne Süße. Es gab schon einzelne, die hatten wenigstens Pfeffer, aber süß waren auch die nicht. Die Zofen und die Lakaien, König und Königin, die Verwandtschaft – alle grau. Die Spiegel waren angelaufen, selbst die Lüster wurden nicht mehr abgestaubt. So bekam alles einen gräulichen Schleier. Irgendwann konnte sich keiner mehr vorstellen, anders als grau zu sein. So hatte man auch das Fernsehen angepasst –  alle alten Filme liefen jetzt in Schwarzweiß. Etwas anderes wäre auch zu komisch gewesen.
So Schlichen die Menschen umher wie hungrige Wölfe und bald wussten sie auch nicht mehr, was ihnen fehlte. Es fehlte ja allen. Sie aßen ihr Graubrot und seufzten ab und zu und erzählten einander wenig. Wenn einer einmal farbig träumte, behielt er das für sich.
Just in diesem Augenblick kamen die zwei Prinzessinnen ins Schloß. Den Menschen erschienen sie wie Engel oder Boten von anderen Welten oder wie Paradiesvögel oder so. Bereits der Amme blieb der Mund offen stehen, sie spürte, dass da etwas außergewöhnliches im Gange war. Der König und die Königin hielten sich fern und bemühten sich, die süßen Kinder nicht zu lange anzusehen. Dann wurde ihnen nämlich ganz komisch zumute und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Die Zofen, die Tanten, die Onkels kamen und erstarrten, als sie die zuckersüßen Prinzessinnen wie zwei Törtchen durchs graue Schloss hüpfen sahen. Besonders als die zwei heranwuchsen wurde ihre Erscheinung noch leuchtender. Die Schneiderin, die eine Fee war, verzauberte die grauen Stoffe, die Landauf Landab nur angeboten wurden in glänzenden pistazienfarbenen Satin, Kirschrote Seide und Bonbongelben Taft, himmelblauen Tüll und Brokat in Vanille. Sie schneiderte den beiden Patenkindern die schönsten fantasievollsten Kleider, die je ein Mensch gesehen hatte.
Und so waren die beiden Prinzessinnen die spektakulärsten und farbenfrohsten Erscheinungen dieser Zeit. Und was sie berührten erhielt sogar ein wenig von dem Glanz und der Freude, die von ihnen ausging.
So drängten sich alsbald die Menschen in ihrer Nähe und die Mädchen hatten Mühe zu atmen, so voll war es in dem Zimmer, in dem sie sich gerade befanden. Tanten und Onkels kamen und küssten sie und drückten sie und bissen ihnen in die speckigen Kinderarme. Spaßeshalber, wie sie sagten. Aber für die beiden Prinzessinnen hörte da der Spaß auf. Manchmal, wenn die Bagage gegangen war, fühlten sie sich ausgelutscht und leer.
Sie überlegten, was zu tun sei und klagten der Schneiderin ihr Leid. Die nickte, während sie nähte. Hmmm, ihr gebt denen was, was sie selbst verloren haben. Ihr scheint ihnen eine Quelle in der Wüste zu sein, die pastellenen Törtchen im zuckerlosen Grau der Supermärkte. Das soll sie nicht entschuldigen. Ihr seid nicht zuständig, sie zu nähren. Wenn sie wollten, könnten sie sich ihr eigener Zucker sein! Sollen sie sich doch selbst um ihre Süße kümmern.
In dieser Nacht träumten die Prinzessinnen von großem Geschrei und von wilden Raufereien. Und von Brennesseln, Disteln und Rosen.
Als sie am nächsten Morgen erwachten, riefen sie sogleich die Schneiderin und ließen niemand sonst in ihr Zimmer. Schneiderin, wir haben geträumt. Wir wünschen uns ein Kleid, bestickt mit Rosen, Disteln und Brennesseln. Die Schneiderin lächelte. Ja, ich nähe sie Euch, aber besticken, das würde lange dauern, wenn ich es allein machen müsste. Und so lernten die beiden Prinzessinnen bei der Schneiderin sticken. Mit spitzen Nadeln und glänzenden Fäden stickten sie Brennesseln, Disteln und Rosen auf ihre neuen roten Kleider und sperrten die Welt hinaus aus ihrem Zimmer.
Die Tür hatten sie verriegelt. Keiner konnte zu ihnen vordringen. Sie aßen nur, was sie selbst herbeizauberten. Und wie erstaunt waren sie, als sie sahen, wie einfach das ging. Weil sie geübt waren in Bezauberung, hatten sie stets das beste Essen vor sich und scherzten und lachten, während sich vor ihrer Tür die Tanten und Onkels drängten.

Als sie fertig waren, streiften sie die Kleider über. Sie waren wunderschön und beide sahen nicht mehr aus wie kleine Törtchen, sondern wie Kinder, die wissen, was sie wollten. Und vor allem, was sie nicht wollten. Grinsend öffneten sie die Tür, Tanten und Onkels wurden wie eine Flutwelle ins Zimmer gespült. Hände wurden nach den beiden Prinzessinnen ausgestreckt. Aber die beiden lachten laut und mit fester Stimme geboten sie, man möge ihr Schloss augenblicklich verlassen. Und sie schrien duch die Gänge hinterher: Finger weg von uns!

Die Wachen versetzten ihren Worten Nachdruck. Und so kam es, dass die Luft im Schloss wieder klar und rein wurde. Die beiden Prinzessinnen pflegten ihre Farben und stickten, was ihnen Spaß machte. Sie tobten durch den Schlosspark und waren glücklich ihr Leben lang.
An die Onkels und Tanten haben sie fortan nur sehr selten gedacht. Wer sich gesittet benahm, konnte gern zu einem Tässchen Tee auf die Terrasse kommen. Und dann wieder gehen.