Frau Schauschau und die Liebe

vom Mensch zum Igel und zurück

Frau Schauschau war die Liebe gewohnt. Sie ging umher in der Welt und versprühte ihr Lachen und ließ die Zähne blitzen und bebte dabei vor Freude am ganzen Körper. Sie spürte so viel Liebe in sich, dass sie sie gern verschenkte. Frau Schauschau war nett, ein wenig rundlich, lustig und sehr lebendig. Sie war weich und kuschelig und trug geblümte Schürzen-Kleider und ihre Haare lockig. Wo sie auch hinkam – für jeden hatte sie ein nettes Wort, ein aufmunterndes Lachen, ein Winken oder das übrig, was derjenige gerade im Augenblick brauchte. Sie trug stets Taschen und Tüten und Körbe mit sich, aus denen sie großzügig verteilte: Äpfel, Birnen, saure Fritz’, Taschentücher, Wagenheber – Frau Schauschau spürte stets, was andere brauchten und gab ihnen was von sich. Immer gingen die Leute und Frau Schauschau lachend auseinander, doch es war immer sie, die damit anfing. Mit dem Lachen.
So lief sie mit schnellen Schritten durch die Welt und warf mit ihren Gaben um sich wie ein Prinzenpaar mit Bonbons beim Karneval. Frau Schauschaus Taschen und Körbe waren gut gefüllt. Alles war gut, die Welt hellblau und es schien ihr wie ein Nikolausabend, dieses Leben...., in dem sie der Nikolaus war und Menschen wie Kinder beschenken sollte, die gierig auf ihr Erscheinen warteten und vor allem auf Ihre Gaben. Sie fühlte sich besonders und ein wenig gönnerhaft. Und natürlich, und das war das Beste: von aller Welt gebraucht.

Eines Tages jedoch geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Sie hatte gerade einen Mann mit Lächeln versorgt und aufgemuntert. Sie merkte es erst, als sie dies Stechen spürte, hinten links unter dem Schulterblatt. Schnell lief sie mit ihren kleinen Füßen ins Kaufhaus, stellte sich vor den großen Spiegel in der Damenoberbekleidungsabteilung, die Taschen und Körbe ließ sie neben sich zu Boden sinken. Zur Seite gedreht blickte sie so gut es ging über ihre linke Schulter auf ihr Spiegelbild. Vor Staunen blieb ihr der Mund weit offen stehen: Da, wo der Schmerz war, steckte ein dicker, schwarzgelber Bleistift. Mit Radiergummi. Wie sie sich auch bog und wendete, der Stift steckte wohl fest in ihr. Menschen, die vorbei kamen, schauten ein wenig seltsam, sagten aber nichts. Wie immer, dachte sie und zum ersten mal schwand ihr das Lächeln. Die Mundwinkel sanken – ein winziges Stückchen nur, doch sie bemerkte es sofort.
War das dieser nette Mann gewesen? Sie konnte es nicht genau sagen und schon gar nicht fassen und schluckte. Warum? Ich hab’ es so gut gemeint und ihm so geholfen. War es möglich, dass er das Ding in sie gestoßen hatte? Ist das nicht undankbar und gemein? Sie spürte Hitze in sich aufsteigen und etwas Bitteres auf der Zunge.
Was war zu tun? Sie war kräftig und lustig und das kleine bisschen Zwicken und Stechen da! War doch nichts. Sagte sie zu sich und glaubte es selbst nicht.
Sie beschloss, es nicht mehr zu beachten, nahm die Taschen und Körbe wieder auf und ging weiter. Beim An- und Ausziehen musste man aufpassen, das schon. In ihren Kleidungsstücken war da, wo der Stift steckte, ein kleines Loch, durch das sie beim Ausziehen aus- und in das sie beim Anziehen einfädelte. Ja, so konnte es gehen.

Als sie die Frau mit den roten Haaren traf und ihr die Zwetschgen gegeben hatte, die sie am Morgen vom Baum im Garten geerntet hatte, wunderte sie sich ein wenig, dass plötzlich ein blauer Kugelschreiber ein Stückchen über dem Bleistift, just am Rand des Schulterblatts steckte. Sie schluckte. Aber mit der Zeit wurde es immer öfter bitter auf ihrer Zunge. Und die Gedanken wurden ihr gräulicher, denn von da an passierte es immer wieder, dass jemand ihr etwas steckte. Etwas Spitzes. Später ging es dann immer schneller, die Leute, denen sie helfen wollte, waren oft nicht mal mehr freundlich. Motzten Frau Schauschau an und das Ergebnis war, dass sie bald eine stattliche Anzahl Stifte, die in ihr steckten, mit sich trug. Angefangen am Nacken bis hinunter zur Poritze. Die Leute gaben ihr statt Dankbarkeit oder Lächeln die spitzen Dinger – das war so ganz anders, als Frau Schauschau sich das vorgestellt hatte. Und da passierte etwas noch Merkwürdigeres: Frau Schauschau, die eine Sonne gewesen war, wurde grau und begann schlechte Gedanken zu denken. Sie nahm an, dass ihr sowieso jeder einen spitzen Stift ‘reinrammen wollte.
Bald schon fand sie es normal, dass die Leute ihre Schreibgeräte in sie rammten, manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit wutentbrannten Schimpftiraden. Und da sie schon darauf wartete, wenn sie eine Begegnung machte, geschah es denn auch, wie alles geschieht, was wir zutiefst glauben.Wie sollte es denn anders sein? Mit der Zeit wurde sie geradezu frech und hielt den Leuten mit einem verachtenden Blick schon ihren Rücken hin.
Aber mit der Zeit wurde der Schmerz übermächtig und sie traute keinem mehr.

Und so kam es, dass sie sich von Menschen fernhielt.
Zumal sie nun ja so viel Zeit brauchte, um sich anzuziehen. Das beanspruchte fast den halben Tag. Sie konnte sowieso nur noch Sachen anziehen, die vorne ganz zu öffnen waren. Ihre kuscheligen Pullis hatte sie im Schrank ganz nach hinten geschoben. Um sich mit all den Stiften in ihre Kleidung zu fädeln, hatte sie herausgefunden, dass es am besten war, wenn sie ihre Sachen in ihrem großen Ohrensessel auslegte wie eine Schale und sich dann davor setzte und mit spitzen Fingern vorsichtig den Stoff an sich zog. Mit ihrem Rückenkratzer machte sie die Feinarbeit: An jedem Stift schob sie das Unterhemd, die Bluse, die Jacke, den Mantel mit dem langen Krallengerät nah an ihre Haut. Ja, so ging es. Ab und zu musste sie Pause machen, da ihr die Arme weh taten vom hochhalten, fädeln und so. Auch musste sie die Anzahl der Spiegel in ihrer Wohnung erheblich aufstocken. Damit sie immer überprüfen konnte, dass die Kleidung ordentlich saß. Sie wollte schließlich kein Aufsehen erregen. Tat sie aber doch, wenn sie mal wieder nach draußen ging. Oder was würdet ihr tun, wenn ihr jemandem begegnetet, der einem Igel ähnelt?

Igel! Die Igelfrau! raunten und tuschelten die Leute und die Kinder, die immer am ehrlichsten sind, sprachen es laut aus, riefen ihr hinterher: Die Igelfrau! Die Igelfrau, Schau! Schau, die Igelfrau!
Schnell trippelte sie dann hinfort, wäre sie beweglicher gewesen, hätte man sagen können, sie rannte. In einen dunklen Durchgang, in einen Hausflur, irgendwohin, wo sie wieder für sich war.
Die Taschen und Körbe blieben voll, sie nahm sie wieder mit nach Hause. Mit der Zeit verteilte sie gar nichts mehr und behielt alles für sich.
Das hatten sie nun davon, diese dummen Menschen!

Sie zog sich nur mehr selten aus, weil das zu mühsam war, obwohl sie selbst erschrak, als sie merkte, dass sie zu müffeln begann. Aber auch daran gewöhnte sie sich mit etwas Mühe. Mühe, das war neben Schmerz nun ihr zweit-Lieblingswort und sie lachte laut und kurz und bitter auf und strich sich dabei die graue Kittelschürze glatt.

Eines Tages, es war Winter geworden und die Straßen waren glatt, ging sie wieder, Besorgungen zu machen. Den Kopf hatte sie tief zwischen die stacheligen Schultern gezogen, in jeder Hand eine Tasche, die fast den Boden streifte. Kleine Trippelschritte in ihren alten abgelaufenen Schuhen.
Plötzlich fatz, zog es ihr die Füße weg und sie segelte, die Taschen flogen durch die Luft auf den vereisten Gehsteig. Verd..., dachte sie, als der Schmerz ihr die Luft nahm. Sie krümmte sich zusammen. Und es wurde ihr schwarz.
Sie erwachte, weil ihr etwas nasses, warmes am Nacken schlabberte. Und etwas zerrte an ihr. Genauer gesagt, an einem der Bleistifte, der in ihr steckte. Sie hörte das hecheln hinter sich und nahm die vielen Beine um sich wahr, die stocksteif standen und sich nicht bewegten. Die Menschen schienen über diese Igelkugel zu staunen, wie sie da im Kalten Winter lag. Frau Schauschau wandte den Kopf so weit nach hinten, wie es ihr in dieser Lage möglich war.
Da – aaaaaah – erst ein heftiger Schmerz und dann tat es einen Ruck hinten und dann – es war, als fehlte etwas. Da sah sie einen Hund, schwarz-weiß, der mit dem Schwanz wedelte und einen schwarzgelben Bleistift im Maul hielt, dessen Spitze ein wenig rot war, wie von Blut, jedoch mit Radiergummi. Sie atmete flach und da flog wie von Zauber durch die Luft getragen ein Lächeln auf ihr Gesicht.
„Such’s Stöcki! Hol’s Stöcki!“ sagte sie leise zum Hund. Der wedelte jedoch nur freundlich und wurde bald von einer besorgt dreinblickenden Dame gefunden und mitgenommen. Mitsamt Bleistift mit Radiergummi.

Frau Schauschau rappelte sich auf und ging zum erstbesten Menschen, der da stand und bat ihn, sie von einem Stift zu befreien. Der Mann zögerte. Dochdoch, sie dürfen sich einen aussuchen! nickte sie. Fein, sagte der Mann in beige, ich brauche eh grad was zu schreiben, ließ die Hand über den Stachelstiften kreisen bis sie schließlich an einer bestimmten Stelle niedersank und zog kräftig an dem blauen Kugelschreiber. Die Rothaarige würde ihn sicher nicht vermissen. Sonst hätte sie ihn ja behalten können. Frau Schauschau dankte dem Mann, der Mann dankte ihr. Er zog den Hut, machte gar eine kleine Verbeugung, schob den Stift, nachdem er etwas notiert hatte, in die Innenseite seines beigen Mantels und ging. Ein Zettel segelte zu Boden. Da ging Frau Schauschau zum Nächsten, zur Nächsten undsoweiter, bis alle Stacheln von ihr entfernt waren. Jeder Mensch hatte jedoch, bevor er ging, etwas aufgeschrieben und fallen lassen. Manche auf ein altes Bieretikett, manche auf ein Pappstück einer Zigarettenschachtel, wieder andere hatten eine Seite ihres Terminkalenders herausgerissen: einige schief und wild, andere wieder wie mit einem Lineal. Bald schon stand Frau Schauschau ohne ihren Igel, zwar noch ein wenig blutend, jedoch lächelnd inmitten eines Teppichs aus Zetteln.
Sie bückte sich und hob eines der abgepfriemelten Bieretiketten auf und las. In krakeliger Schrift, weil freihändig geschrieben, stand da: es war nicht dein Bier!
Sie las es und las es nochmal und plötzlich stieg ein mächtiges, wildes Lachen tief aus ihr empor. Manche der Umstehenden erschraken, wieder andere tippten sich an die Stirn. Doch es war Frau Schauschau völlig egal. Sie machte auf dem Absatz kehrt, rannte ins Kaufhaus, Damenoberbekleidung, großer Spiegel, um es zu sehen: da gab es keinen fremden Stachel mehr in ihrem Rücken. Sie besah sich den Schlamassel mit den Löchern im Mantel, fand, dass das nicht schön aussah und kaufte sogleich einen neuen schicken sehr farbenfrohen Mantel und weil sie gerade dabei war, auch noch ein Kleid. Beides zog sie sofort an. Von Kittelschürzen hatte sie irgendwie genug. Von Grau auch. Sie lief nach Hause. Als sie ums Eck bog, sah sie, dass die Frau mit dem schwarz-weißen Hund gerade im Erdgeschoß einzog. Frau Schauschau lächelte und tätschelte ihm im Vorbeigehen den Kopf. Und als sie sich eine feine Fleischsuppe gekocht hatte, aß sie sich selbst satt. Dann legte sie die Füße hoch und dachte schöne Gedanken. Dann ging sie hinunter und brachte dem Hund einen der Suppenknochen. Und weil ihr dessen Frauli, die neue Hausmeisterin, gefiel, fragte sie, ob sie auf ein Schälchen Suppe hochkommen wolle, heute oder morgen. Ja. gern. Sagte die Frau. Doch als sie heute nicht kam, trug ihr Frau Schauschau die Suppe nicht nach. Morgen war auch noch ein Tag. Komme, wer wolle.