Foto: Angelika Schinko-Herb. Königskerzen auf der Burghalde, Kempten

Die Königskerze

(bei uns vor allem Verbascum Thapsiforme und Verbascum Thapsus)
„Ich kann allein stehen“ ist die Botschaft der Königskerze. Dabei geht es weniger ums allein sein, als vielmehr darum, aufrecht die eigene Kraft zwischen Himmel und Erde zu leben. „Ich mach' mein Ding“ könnte eine Übersetzung für ihre Botschaft sein. Die Königskerze ist ein zweijähriges Gewächs. Im ersten Jahr schiebt ein Blatt nach dem anderen aus der Mitte einer großen Blattrosette silbrig behaart hervor. Im zweiten Jahr bildet sich zentriert der Stängel, der über 2 Meter hoch werden kann. An dessen Ende gibt es einen halben Meter eingepackte Knöllchen, die Blütenstände. Sie wachsen wie an einer Ähre, öffnen sich nacheinander und bringen zitronengelbe Blüten hervor. Diese Blüten lohnt es zu trocknen. Hildegard von Bingen bereitete aus Ihnen ein Mittel gegen Kehlkopfentzündung, Halsbeschwerden und Heiserkeit zu. Dazu nimmt man, was in 3 Finger passt an Königskerzenblüten, ebensoviel von angestoßenem Fenchel und koche das Ganze mit einer kleinen Tasse Wein (weiß oder rot – beides funktioniert!) für 3 Minuten sprudelnd auf und trinke schluckweise von dem abgeseihten heißen Gebräu. Auch im Tee oder frisch hilft sie den Atmungsorganen und unseren Lungen(blättern) wie den Ohren, damit wir besser auf die Stimme unseres Herzens hören können und uns Luft und Raum dafür verschaffen.
Die Königskerze ist auch Zentrum des Kräuterboschens. In Süddeutschland und Österreich wird Vielerorten der Kräuterboschen zu Maria Himmelfahrt (15. August) gebunden. Die Königskerze bildet dabei den Anfang und die Mitte. Rundum ordnet man Kräuter an, die einem wichtig sind und die im Garten und der umliegenden Natur wachsen. Dabei achtete man früher darauf, eine heilige Zahl zu verwenden. Also entweder 3, 7 oder 9 Kräuter oder Vielfache davon. Je nachdem, wie geduldig die Jungfrau bei Mondenschein sammelte.
Manchmal sind die Kräuterboschen meterhoch. In jedem Fall musste eine Rose für die Liebe ihren Platz finden und ein, zwei Wurzelpflanzen (Karotte und Zwiebel) sollten das Wachstum der Erdfrüchte besiegeln. Es wurde mit Draht oder Zwirn oder Wolle gebunden. Wenn vorhanden, bildete ein rotes Seiden- oder Sammetband den Abschluss.
Dieser Kräuterboschen beherbergte die Schutzkräuter des Hauses und begleitete durchs Jahr hindurch. Suchten Krankheiten Mensch oder Vieh heim, wurde der Kräuterboschen kurz an die Glut des Küchenofens gehalten und eine reinigende Räucherung von Haus oder Ställen durchgeführt. Man ging dafür mit der gebotenen Vorsicht mit dem qualmenden Boschen durchs Haus. Der Boschen konnte mehrmals angebrannt und verwendet werden. Spätestens in der Nacht vor Maria Himmelfahrt ließ man ihn dankbar in Flammen aufgehen.
Maria Himmelfahrt markiert den Anfang des sogenannten Frauendreißigers: bis zum 15. September sagt man den Heilpflanzen nach, sie sammelten noch einmal all ihre Kräfte in besonders hoher Konzentration, bevor Fruchtbarkeit und Leben gemäß der Sage von Persephone wieder zu Hades in die Unterwelt hinabsteigen. Dann feiern wir noch einmal Erntedank, ehe das Wachstum wieder in die Erde zurückgeht.
Also tanzen wir und freuen wir uns, dass wir als Königinnen und Könige unseres Lebens für uns (ein)stehen können. Feiern wir die Fülle, sind wir dankbar und erinnern wir uns, dass wir Teil dieser Schöpfung sind.

erschienen im „Schaufenster“ unter der Rubrik „Kräuterhexe“ (seit Mai 2010 schreibe ich jeden Monat Artikel zu Kräutern und Gesundheit), wie z.B. über den Löwenzahn, das Gänseblümchen, Johanniskraut, kleines Weidenröschen, Hagebutte, Holunder, Kürbis, Zimt, Bärlauch, Lärche, Beinwell,... uvm.