Rapunzel

Feldsalat (Märchen, gewöhnlicher Feldsalat: Valerianella locusta)
Rapunzel, Rapunzel, lass' dein Haar herunter! Die Gelüste einer Frau haben uns diesen Spruch beschert. Schwangere stellen zuweilen dramatische Forderungen, die Männer manchmal nicht ablehnen können. „Ich sterbe, wenn ich nicht…“ Wer will das schon riskieren? Und plötzlich fahren sie durch die nächtliche Landschaft und besorgen, was sonst nie zur Debatte stand. Oder sie gehen es stehlen, wie im Märchen, wo der Mann über die Mauer klettert und die herrlichen Rapunzeln der Nachbarin klaut, weil seine Frau ihren Gelüsten nicht mehr widerstehen kann und ihn zur Tat treibt… dummerweise ist es nicht nur ein Diebstahl, sondern ein Diebstahl bei einer Hexe. (Mit denen war damals noch nicht zu spaßen.) All das wegen ein paar Rapunzeln! „Hätte er doch einfach gefragt…“ meint man, aber da er dies nicht getan, von ihr erwischt wird – nicht beim ersten Mal, aber doch beim dritten…, nimmt die Geschichte ihren Lauf und er verspricht…wir staunen… sein Kind – wenn es denn geboren ist. Was für ein hoher Preis! Und so kann die sich entfaltende Geschichte mit der eingesperrten Zieh-Tochter im Turm weitergehen, deren Haar so unglaublich lang ist, dass die Hexe daran hinaufsteigt. Doch schließlich mag das Mädchen nicht mehr und bricht aus… weil ein Mann sie findet, das Geheimnis lüftet und mit ihr ab durch die Mitte flieht. Die Hexe findet die beiden doch, verflucht den Typen, einen Prinzen, der daraufhin blind wird. Das Happy-End findet statt, weil Rapunzels Tränen seine Augen heilen.

Wie im echten Leben ist es doch oft so, dass wir das im Nachbargarten so lecker finden. Und ich sehe zuhauf Frauen, die ihre Männer immens antreiben. Und… wir verstricken uns, begegnen unseren Dämonen, die hinter den eigenen Mauern wohnen und machen Zugeständnisse, die uns letzten Endes fast umbringen, weil wir mehr geben oder was anderes, als wir eigentlich wollen. Und wir neigen dazu, das, was wir wertvoll finden, einzusperren, damit niemand außer uns dran kommt. Wir haben Angst, zu verlieren, was wir lieben. Und tragischerweise geschieht genau das, weil wir es vermeiden wollen. Und dann verteufeln wir die Welt und Unschuldige bekommen unsere Flüche ab. Und wie immer und wie der Prinz, verirren wir uns in unserem Lebenswald. Und dann finden wir doch wieder, was wir lieben, vorausgesetzt, wir folgen unserem Herzen. Tränen heilen. Auch das ist immer so. Wenn etwas in Fluss kommt, ist die Starre vorbei. Im Tod sind wir starr. Im Winter ist die Welt in Kälte erstarrt. Doch entsteht gewiss neues Leben. Bewegung ist Leben. Wildheit und Narretei werden den Winter gehörig verabschieden, die Fasnet lebt!

Im Augenblick gedeiht mein Rapunzelsalat im Gewächshaus. Sehr überschaubar. Winzig. Aber grün, wie die Hoffnung. Und ich freue mich, wenn ich durch den Schnee stapfe und sehe, dass die Sonnenstrahlen und Reflexionen des Schnees reichen, um die Luft im Gewächshaus ein wenig zu temperieren. Ich gieße die frischen Blättchen. Nicht oft. Aber ich behalte sie im Sinn. Ab und zu ernte ich. Und freue mich umso mehr an dem knackigen Grün, das selbst den eisigen Temperaturen getrotzt hat.

In Österreich nennt man ihn Vogerlsalat, in der Schweiz Nüssli, sonstwo auch Ackersalat. Er  weise von allen Salatarten den höchsten Vitamingehalt auf, behaupten viele. Reich an Folsäure, Vitamin C und B6, Kalium, Eisen und Zink, ß-Carotin,  hat er alles, worauf schwangere Frauen stehen sollten – wie alle Märchen hat auch dies einen faktisch sehr wahren Kern. Rapunzel ist ein Baldriangewächs! Und beruhigt nicht nur nervöse Frauen. Er sättigt. Mit Nussöl angemacht ist er besonders lecker, unterstreicht das sein eigenes nussiges Aroma. Er ist einjährig und man isst seine Laubblätter, so dass wir meist gar nicht dazu kommen, seine Blüte zu sehen. Er gedeiht in nährstoffreichem, lehmigem und sandigem Boden, was uns manchmal schier wild macht, wenn wir seine Büschel nicht richtig gewaschen haben – dann knirschen die Körnchen, die in den Blattstängeln hängen, sehr unangenehm zwischen den Zähnen. Ist er nicht zu groß, lässt man die Büschel beieinander und knipst falls möglich, nicht die kleine weiße Wurzel ab. Sie enthält das Gros des nervenstärkenden Baldrianöls. Sein dickes Grün tut gut, besonders jetzt, wenn wir am Ende des Winters ziemlich leer sind in unseren Vitamindepots. Da kommt der Feldsalat grad richtig daher und frisch, ohne dass er um die halbe Welt geflogen werden musste!

Wir sind hierher gekommen, um uns selbst kennenzulernen. Uns zu entfalten, die Winter mitzumachen und die Sommer. Und alles dazwischen. Manchmal ist es wie auf einer eisigen Rodelbahn, manchmal wie in einem einsamen Turm. Aber wir sind verbunden mit allem und alles lebt, auch durch uns. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch heute. Ein neues Jahr hat Fahrt aufgenommen. Es möge segensreich sein, für uns alle. Weil… wie im Märchen, geht für uns immer alles gut aus! Auch wenn es zwischendurch mal nicht so aussieht. Ich wünsche Ihnen viel Gelächter, Heiterkeit, wild-schöne lebendige Zeiten und herrliche Hexen- und Narrensprünge und Rapunzeln, so viel Sie mögen! Ihre Kräuterhexe Claudia

erscheint in der Faschingsausgabe des „Schaufenster“, von Ulm bis zum Bodensee