von der Prinzessin,

in deren Mund eine Hexe wohnte

Kennen wir nicht alle solche Frauen?

Es lebte einmal in einem fabelhaften Walde dies und das. Und Bianca, das Reh. Sie war noch ein Kitz gewesen, als sie Ihre Eltern verlor: der Vater ging durch die Dornen fort, die Mutter hatte ein heranrasendes Auto zu spät bemerkt. Bianca hätte nicht überlebt, hätte ein junger Hirsch namens Waldemar nicht ihren flehenden Blick gestreift. Er verstand zwar nichts von Rehkitzen, aber einiges von Hunger. So bettelte er für die Kleine bei seinen Freundinnen um Milch und weil er ein leidlich charmanter Hirsch war, ließen diese das Rehkitz an ihrem Hirschbusen trinken, es wurde kräftiger und bald führte er Bianca zu den besten Kräuter- und Beerenplätzen. So kam es, dass  die beiden dicke Freunde wurden und mehr noch. Bianca wich nicht mehr von Hirsch Waldemars Seite, und umgekehrt.

Eines Tages, als die beiden auf ihrer Lieblingslichtung grasten, hüpfte ein seltsamer Frosch daher. Er mühte sich durchs hohe Gras, blieb vor Bianca sitzen und quakte sie an: QQUUU-AAAAKKK! Ich bin ein Prinz.... verwunschen...und verzweifelt. Quak! Mit seinen Schwimmhautfingern deutete er auf sein Krönchen, und rollte mit Glupschaugen. Bianca und Waldemar blickten einander an, dann neigten sie ihre Köpfe auf Froschhöhe, um der gequakten Geschichte zuzuhören.
Einen, der sich verwunschen glaubt, traf man immer wieder. Aber bisher hatte keiner von der Prinzessin erzählt, in deren Mund eine Hexe wohnte.
Die Prinzessin lebte in einem von dunklen Eiben umstandenen Schloss mit kleinem Hofstaat und tausenden von Fröschen. Die Hexe, die nämlich im Mund der Prinzessin wohnte, verwandelte alles, was die Prinzessin zärtlich mit ihren Lippen berührte, in Frösche, egal, ob es Pralinen waren oder Menschen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der die Prinzessin so gern geküsst hatte! Bevor... der Fluch und die Hexe sie in ein Monster in Prinzessinnengestalt verwandelte.
Manchmal vergaß die Prinzessin den grausigen Fluch und hatte versehentlich geküsst. So hatte sie bereits ihre gesamte Familie in Frösche verwandelt und die ein oder andere Tasse oder Tafel Schokolade. Und einige Freunde, Freier oder niedliche Tiere, weil ab und zu küssen, das muss man doch! Ach herrje, so wurden es im Lauf der Zeit immer mehr der unterschiedlichsten Frösche, die bei ihr im Schloss lebten: große und kleine, schleimige und schillernde, welche, die nach Trüffel rochen oder nach Puder und runde, dicke, die man wie einen Ball über den Fußboden rollen konnte.
Aber nunmehr wurde es immer trostloser im Schloss und froschiger. Nicht ein Zimmer war mehr übrig, das nicht von Fröschen gänzlich in Besitz genommen ward. Und mittendrin saß die Prinzessin, in deren Mund die Hexe wohnte, die das alles angerichtet hatte und fühlte sich immer trauriger. Und einsam. Allein unter Fröschen.
 
Also hörte ich, Prinz Edward, von der einsamen, schönen, traurigen Prinzessin, die den Mund voll Hexe hat. Ich reiste an, machte meine Aufwartung und verkündete der Prinzessin, dass ich gedachte, sie zu erlösen. Das erfreute sie so, dass sie mich stürmisch umschlang und küsste, ehe ich mich versah. Damit war es auch um mich geschehen. Seither ziert mich diese fragliche Froschgestalt und ich suche eine Möglichkeit, die Prinzessin und mich zu erlösen. Möglichst bald. Ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, Fliegen zu essen. Würg.“ Er machte dabei ein erbarmungswürdiges verzerrtes Gesicht.
Bianca und Waldemar hatten aufmerksam zugehört. „Und nun?“ fragte Bianca. „Hmmm ich hatte gehofft, Ihr könntet mir weiter helfen“, quakte er, „von außen betrachtet sieht manches klarer aus, als wenn man mittendrin steckt, qu-ack.“
Bianca stand still, die Augen halb geschlossen und wirkte, als würde ihr jemand durch ein unsichtbares Telefon erzählen. „Ich weiß, was zu tun ist!“ rief sie plötzlich. Sie ließ sich nieder neben dem Frosch und bedeutete ihm, auf ihren Rücken zu klettern. Das hört sich nicht nur merkwürdig an, ganz und gar war zuvor selbst in diesem fabelhaften Walde kein Ritt eines Frosches auf einem Reh bekannt. Aber bekanntlich gibt es für sehr Vieles das allererste Mal. Und so platzierte sich der Frosch umständlich zwischen den Schulterblättern und versuchte, Gleichgewicht zu halten, als Bianca aufstand und behutsam lostrabte, Waldemar an der Seite. „Woher weißt du, was zu tun ist?“ fragte der. „Ich weiß es eben. Da war vorhin eine Stimme in mir, die mich an etwas erinnerte, was meine Mama zu mir gesagt hat: wenn du nicht weiter weißt, werd’ still und lausche nach innen. Alle Antworten sind in dir. Und so weiß ich jetzt, dass wir zum Platz der Weisheit unter der alten Eiche gehen sollen.“ Da weder der verwunschene Frosch-Prinz oder Prinzenfrosch, noch der charmante Hirsch eine andere Eingebung hatten trabten zwei Huftiere mit einem glitschigen grünen Reiter durch den Wald auf die Anhöhe, wo die uralte Eiche stand. Sogleich spürten sie die Heiligkeit dieses Ortes. Das Trio hielten inne. Es war Abend geworden, die Sonne versank glühend in den Tannen und Geräusche der Nacht erfüllten die klare Luft. Als der Mond sich zeigte und sein dickes Gesicht vom blauschwarzen Himmel herabstreckte, begaben sich die drei unter die Eiche. Obwohl kein Wind wehte, flüsterten tausende von Blättern über ihnen. Silbernes Mondlicht lackierte die Baumkrone.
Bianca entfuhr ein Laut des Entzückens, als sie sich inmitten eines Teppichs aus hellblauen Vergißmeinnicht fanden. Waldemar strich sacht mit einem Vorderhuf durch die kleinen blauen Blüten.
„Zauberblumen!“, hauchte Bianca und pflückte sieben Vergißmeinnicht, die sie zwischen den Lippen behielt. Der Frosch hatte auf ihrem Rücken genug mit sich zu tun, sie würde ihm die Blumen übergeben, wenn sie bei der Prinzessin, in deren Mund eine Hexe wohnte, angekommen waren. Bianca verneigte sich voller Dankbarkeit vor diesem besonderen Ort und der Eiche.
„PAnpf du mia fagen, wof pfum Floff der Bfinpfeffin, im berem Mumb eime Hepfe wohmpe, beht?“ Bianca wandte sich zum Frosch. Als hätte ihn jemand mit einer spitzen Nadel aus dem Traum gestochen, schoß der Froschprinz in die Höhe. Aufrecht setzte er sich auf Biancas Rücken und zerschnitt mit seiner Flosse die Luft: „Richtung Mond, dann zwischen den Tannen hindurch… und dann...“ Bianca und Waldemar setzten sich in Bewegung. Als sie nach geraumer geschwiegener Zeit die dunklen Eiben passierten, wußten sie, dass sie sich nahe beim Schloss befanden. Tausendstimmiges Quaken hieß sie im Reich der Prinzessin, in deren Mund eine Hexe wohnte, willkommen. Kies knirschte unter ihren Hufen, als sie den Schhlosshof erreichten. Die Prinzessin, in deren Mund eine Hexe wohnte, legte großen Wert auf eine sorgfältig gepflegte Parkanlage. Aber was nützte ihr das schon? Obwohl – ein Garten konnte ein guter Ort des Trostes sein.
Als der Froschprinz mit seinem Patschehändchen gebot, stehen zu bleiben, reichte ihm Bianca den Strauß der 7 Vergißmeinnicht. „Puh, da darf ich jetzt wohl allein entzaubern gehen...“ er senkte den Blick und ließ sich  zögerlich von Biancas Rücken gleiten. Stufe für Stufe hüpfte er die Schlosstreppe hinauf. Als koste es ihn enorme Überwindung. Heldenhaft zu sein, ist manchmal gar nicht so einfach. Und bestimmt hatten die einen oder anderen Prinzen beim Befreien von Prinzessinnen die Hosen gestrichen voll gehabt. Aber das half ihm ja jetzt auch nichts. Oben angekommen, sah er sich noch einmal um, den Strauß Vergißmeinnicht quer im Froschmaul. Seine Knie schlotterten wie Froschknie nur schlottern können, doch aufmunternde Blicke von Bianca und Waldemar halfen ihm, seinen Mut nicht ganz zu verlieren. Er schluckte und machte schließlich den Satz hinein ins Schloss.
Schlösser waren zu der Zeit ziemlich ähnlich gebaut, so wußte der Froschprinz, wo sich das Gemach der Prinzessin befand. Außerdem war er ja schon hier gewesen, wenngleich es aus der Froschperspektive und bei Nacht doch anders aussah. Er hüpfte vorbei an hundert Fröschen, die wie erstarrte Chorknaben standen, das Maul aufgerissen den Mond besangen. Er schüttelte sich. Ahhh.
Da war das Gemach der Prinzessin. Er öffnete die Tür mit einen beherzten Sprung an die Klinke. Sie öffnete sich leicht.
Wie hingegossen lag die Prinzessin auf ihrer Bettstatt, das goldene Haar floß von ihrem Gesicht übers Kissen wie Lava. Sie sieht so schön aus, dachte der Froschprinz, er war aufs Bett gehüpft und betrachtete sie verzückt. Nur die linke Backe war unnatürlich ausgebeult. Darin wohnte die Hexe.
„O Gott, was tue ich nun mit den Zauberblumen?....“ durchfuhr es ihn plötzlich. Sein Herz raste. Der Morgen graute bereits. Eile!
Im letzten Silberschein des Mondes hüpfte er auf das Lavahaar der Prinzessin. Sie regte sich nicht. Dicht bei der Backe, in der die Hexe wohnte, saß er nun mit 7 mondbeschienenen Vergißmeinnicht. Kalter Schweiß troff an seinen Augen herab. Er nahm den Strauß aus dem Maul und hielt ihn wie ein Kavalier in seinen Schwimmhäuten. Dabei kitzelte er wohl ein klein wenig das Gesicht der Prinzessin. Worauf die jetzt in den seltsamsten Tönen atmete. Und die Nase kräuselte sich.
Plötzlich – In einem Niesen wie ein Düsenflugzeug entlud sich nicht nur der Inhalt der Nase der Prinzessin, sondern auch der Inhalt ihres Mundes: Die Hexe flog im hohen Bogen heraus – was die Prinzessin augenblicklich zur Prinzessin machte, in deren Mund keine Hexe mehr wohnte.  

Von dem Plums, den die Hexe machte, als sie mitten auf der Prinzessin Brust purzelte, wachte diese schließlich auf. Ihr könnt Euch vorstellen, dass die kleine Hexe, aus dem Mund geflogen, aus dem Schlaf gerissen, anhub, ein großes Donnerwetter zu veranstalten und bebend vor Zorn die Faust über ihrem strubbeligen Hexenhaar reckte. Aber der Froschprinz berührte sie mit den 7 Vergißmeinnicht und berührte damit auch das Herz der Prinzessin. Ein rosaroter Blitz zuckte durchs Zimmer und traf erst die Hexe, die einst im Mund der Prinzessin gewohnt hatte, dann die Prinzessin und schließlich den Frosch. Und in ebendieser Reihenfolge geschah Folgendes: die Hexe verwandelte sich in eine Prinzessin, die Prinzessin sich in eine lachende Prinzessin und der Frosch ward ein schöner Prinz.
Sogleich hörte auch im Schloß das erbärmliche tausendstimmige Gequake auf und Jeder und Jedes bekam seine ursprüngliche Gestalt wieder.
Der Prinz, der kein Frosch mehr war, küsste schnell die Prinzessin und bewies damit, dass der Bann gebrochen war. Die Prinzessin, die eine Hexe gewesen war, wurde die beste Freundin der Prinzessin, die sie im Mund gehabt hatte. Und die Familie fand wieder zusammen. Es wurde vergeben, nicht vergessen. Die Einsamkeit hatte ein Ende und alle lebten glücklich und zufrieden miteinander. Und ab und zu erhielten sie Besuch von einem Hirsch und einem Reh.