Pelzei

wie einen manchmal das beißt, was wir großziehen

Es war einmal eine Frau, die gebar ein pelziges Ei. Ja, wirklich, eines morgens wachte sie auf und es lag zu ihren Füßen im Bett. Sie liebte es, wie eine Frau alles liebt, was sie gebiert. Aber dieses Pelzei war gar seltsam: dunkel und kuschelweich und doch hart innendrin. Und etwa zehnmal so groß wie ein Hühnerei. Wenn man sich darauf legte, bekam man blaue Flecken. So ließ sie das sein. Vielleicht brauchte es gar keine Wärme? Aber es war schließlich ein Ei. Ihr Ei. Und Wärme tut doch gut, dachte sie. Sie herzte es und hielt es in ihren Armen, dicht am Herzen. Jedoch – es hüpfte immer wieder fort, spickte durch den Raum wie eine wild gewordene Billard-Kugel. Manchmal prallte es dabei gegen ihren Kopf oder traf sie hart am Rücken, nachdem es zuerst die Vase, die Tasse und ihre Lieblingskaraffe heruntergekickt hatte. Sie seufzte. Nahm es aber nicht krumm. Als es jedoch nicht besser wurde und sie gar eines Tages, schwer getroffen, vornüber kippte, schlug sie hart auf der Tischkante auf. Warmes Blut lief ihr in die Augen und sie sah nichts. Angst stieg in ihr auf, als sie blutblind wurde. Was wenn.... und so fütterte sie ihre Angst mit weiteren angstvollen Gedanken, bis daraus schließlich Panik entstand.

Sie tastete sich zum Spülbecken und wusch die Augen aus. Besser war das. Langsam kamen die Konturen des Raums zurück. Und nichts weiter geschah. Sie setzte sich. Dem Ei konnte nichts passieren – sie hatte gut geheizt. Außerdem hatte es ja quasi seinen eigenen Mantel an. Als sie wieder voll ihrer Sinne war, suchte sie das Ei. Es lag in der Ecke neben dem Abfall, unter dem Hackstock. Sie schrie es an, hieß es ein gänzlich ungezogenes Ei und gab ihm Namen, die jemand mit guter Erziehung normalerweise nicht in den Mund nimmt. Die Wut raffte sie dahin wie ein wilder Feuer speiender Drache, der mit ihr auf dem Rücken durch ihr kleines Haus ritt. Dabei räumte der erst Recht alles ab, was herumstand, Porzellan und Glas barst, Besen fielen, Flaschen explodierten, Brot wurde vom Tisch gewischt. Rot war der Raum, glutrot. Sie schnaubte Drachenatem. Das Ei – vor Zorn bebend hob sie ihre Hand und schlug wütend darauf ein: bam, .... bam,... bam, bam, bam.
Plötzlich fand sie sich abgeworfen auf dem einzig noch stehenden Stuhl, nahm das Ei mit bebenden Händen auf den Schoß, streichelte es und schluchzte: „Was machst du nur mit mir?“ Das letzte vergossene Blut ihrer Wunde verließ mit einer Tränenflut ihre Augen. „Vergib mir, ich wollte dir nicht weh tun. Vergib…“ Sie barg es an ihrer Wange, bis es ganz nass von ihren Tränen war. Dann streichelte sie es, bis ihre Hand ganz kribbelig wurde und der Pelz in eine Richtung lag.
Dann knackte das Ei.
Die Frau erschrak. Sie hielt das Ei auf Abstand. Es knackte noch mehr und da sah sie, dass der Riss sich verbreiterte. Wilde Geräusche drangen aus dem Inneren und sie fürchtete sich gar davor. Doch sie war nicht sicher, ob sie etwas tun sollte und so wartete sie ab, rasch atmend und sehr angespannt. Da erschienen spitze weiße Zähne und eine dunkle Schnauze. Danach ein Gesicht mit dichtem Fell und schwarzen Knopfaugen. Dann kamen zwei Ohren und sie fühlte sich wie ein riesiges Rotkäppchen, das einem kleinen Wölfchen beim Schlüpfen zusah. Mit großen staunenden Augen verfolgte sie das Schauspiel, wie der kleine Wolf sich aus dem Pelzei schaffte. Da kamen die Vorderpfoten, der Leib mit den geburtsnassen Flanken, die Hinterpfoten und schließlich ein Schwanz, der verklebt war wie eine alte nassgewordene Wollkordel. Plapp. Da lag es nun auf ihrem Schoß, inmitten von Eiresten und pelziger Schale. Kleiner, nasser Wolf. Die Frau war fassungslos und Tränen der Rührung rannten ihr die Wangen hinab. Sie schluchzte und konnte gar nicht mehr aufhören. Währenddessen sah das kleine Wölfchen zu ihr auf. Es lag noch immer zusammengerollt auf ihrem Schoß. Wie eine kleine getaufte Ratte mit Reißzähnen. Schließlich begann es, sich zu schlecken. Es wurde sauberer, trockener, die Frau dachte noch „nachheizen?“, verwarf es aber sofort, da hätte sie ja das Kleine weglegen müssen. Das ging nun grad wirklich nicht.
Sie starrte das kleine Wölfchen noch immer durch ihren Tränenschleier an. Zitternd hob sie die Hände und streichelte es sacht. Es fing an zu beben und zu zittern und sie trocknete es vollends mit ihrem Rockzipfel. Sie trug es mit sich und hatte alle Hände voll zu tun damit. Denn wenn sie es niederlegte oder ihm zu wenig Aufmerksamkeit gab, begann es jämmerlich zu klagen und zu fiepen. Ach herrje, was sollte sie nur machen? Sie hatte sich den ganzen Tag nicht von der Stelle gerührt, nur einmal, um zur Toilette zu gehen, aber das Geschrei, das anhob, als sie es aufs Sofa, zwischen zwei Kissen gelegt hatte, war ihr durch Mark und Bein gegangen. Aber es half ja nichts. Sie trug ab da nur mehr Röcke, die sie vorne zu einem Beutel nach oben schlug, in den Bund stopfte und das Wolfskind immer mittrug.
Sie kaufte Milch im Supermarkt und ein Fläschchen mit Gummischnuller, extra antiallergen Kautschuk, und wollte dem Wölfchen davon zu trinken geben. Aber als sie Wölfchen das Fläschchen reichte, zerbiss es den Sauger vollständig und die Milch ergoss sich über das Wölfchen und ihren Schoß. Sie musste zur Reinigung. Neuer Rock. Neues Glück. Sie versuchte es mit Brei und allem, was ihr einfiel. Nichts mochte der kleine Wolf.
Am Abend war sie völlig fertig, das kleine Fellding hatte den ganzen Tag gewinselt. Ihr Magen knurrte wie die Erwachsenen-Ausgabe von Wölfchen. Sie machte sich ein Wurstbrot. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Die schwarzen Knopfaugen des kleinen Tieres waren auf sie gerichtet und aus seinem kleinen Maul troff der Speichel. Die Frau schloss den Mund, den sie zum Biss vom Brot geöffnet hatte, sehr langsam und bewegte das Wurstbrot weg von sich auf den Kopf des kleinen Tieres zu. Schnapp, schnapp, kau, kau, und weg war das Wurstbrot. Die Frau zog rasch die Hand zurück. Die Frau runzelte die Stirn. Ob Wurstbrot gut für Neugeborene waren? Sie bezweifelte es, aber sah nicht wirklich eine Alternative.  So machte sie sich noch eins und eins dem kleinen Wolf. Er schnappte gierig – erst nach seinem, dann nach ihrem Wurstbrot und vertilgte sie alle. Die Frau seufzte. Sie fühlte sich mürbe und schlapp. Sie mochte nicht noch einmal in die Küche und ging hungrig ins Bett. Das Wölfchen legte sie auf den kleinen Teppich am Boden vor ihrem Bett.
Sie schlief nicht so gut, diese Nacht, wachte jäh auf und träumte von Füchsen und Wölfen, die sie verfolgten. In der Früh wachte sie auf, weil etwas stank. Sie öffnete ein Auge. Da sah sie das Maul des kleinen Wölfchens Nase an Nase mit ihrer. Sie fuhr hoch und betrachtete im Bett sitzend das Wölfchen, das Mundgeruch hatte. Es knurrte. Sie stand auf und ging ins Bad Zähne putzen und überlegte dabei, was zu tun sei. Sie beschloss, das Wölfchen zu wecken und aus ihrem Bett zu werfen. Das ging gar nicht. Sie ging hin und packte das Tier. Das fing sogleich an laut zu knurren. Da bekam die Frau wieder Angst. Aber sie wollte schließlich Herr im eigenen Hause sein und warf das Tier mit einer angewiderten Bewegung auf den Boden. Es jaulte auf. Da tat es ihr schon wieder leid.
Sie machte sich Kaffee und dabei pinkelte der kleine Wolf auf ihren linken Pantoffel. Sie raufte sich die Haare und wusch den Pantoffel im Spülbecken. Das roch nicht sehr gut auf nüchternen Magen. Sie machte sich abermals ein Brot. Diesmal mit Marmelade. Und Butter drunter. Sie hatte Glück, dass sie das Brot schon in Händen gehalten hatte, denn der kleine Wolf, der ihr mit einem Mal gar nicht mehr so klein vorkam, war auf den Tisch gesprungen und hatte das restliche Päckchen Butter aufgeschlabbert. Die Frau aß hastig ihr Brot, ohne bei der Sache zu sein. Niemals konnte sie einen Wolf auf ihrem Esstisch dulden. Sie ging auf ihn zu und wollte ihn herunter heben. Da fletschte er die Zähne, die Frau schrak zusammen und befahl ihm mit bebender Stimme, er möge sich vom Tisch machen. Was er natürlich nicht tat, sondern noch seelenruhig das Glas Honig aufbiss und ausleckte. Das war zu viel für die Frau, sie sah den roten Drachen wieder heranfliegen, ihre Wut, sie schritt bebend vor Zorn auf den Tisch zu auf dem der Wolf stand und schrie hysterisch durch die Gegend, er möge sich verzupfen, das sei ja unmöglich, wie er ihr Leben verunstalte und dabei streckte sie die Hände aus, um ihn zu packen und endgültig in ein Eck zu werfen.

Was dann geschah, nahm die Frau wie in Zeitlupe wahr: der Wolf drehte sich zu ihr, spannte seinen Körper, fletschte die Zähne, der Geifer rannte hinab, dann sprang er auf die Frau zu und in einem rasenden Winden und wenden und zappeln biss er ihr beide Hände ab. Erst die rechte, dann die linke. Entweder war es der Schock, ja es musste der Schock sein, deshalb spürte sie nichts… Die Frau blickte auf ihre Armstummel hinab, aus denen in zwei kleinen Bächen das dunkle Blut rann. Sie war gefroren. Konnte sich nicht bewegen, während der Wolf ihre Hände verspeiste.

Sie setzte sich und legte die Arme in den Schoß. Das Telefon klingelte, sie konnte nicht 'rangehen. Wie hätte sie den Hörer halten sollen? Sie konnte keine Hilfe rufen. Wie sollte sie das Fenster öffnen? Sie konnte nicht auf die Straße, wie hätte sie sich anziehen sollen? Nun gut, man konnte fast alles lernen. Und sie würde lernen, das Wölfchen auch so zu füttern, dachte sie. Er schaute sie treu an. Wie niedlich er war, dachte sie bei sich und als er herkam und seinen Kopf in ihren Schoß legte, streichelte sie ihn mit ihrem Unterarm ohne Hand. Nun kam der Schmerz. Wie eine Woge brach er über sie herein und umspülte sie ganz und gar. Sie schwamm im Schmerz, in diesem Meer von Schmerz, sie war der Schmerz. Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Sie versuchte, zu atmen, ihr wurde schwarz vor Augen.

Als sie erwachte, berührte etwas weiches warmes nasses ihr Gesicht – und es roch schlecht. Sie fand sich auf dem Boden wieder und das Wölfchen schlabberte ihr übers Gesicht. Neben ihrem Kopf war eine Pfütze, die auch schlecht roch. Sie stand auf und stützte sich mit einem Armstumpf ab, augenblicklich durchfuhr es sie, und sie erwachte aus dem Schlaf, der ihr lieber gewesen wäre als die schmerzhafte Wahrheit. Neinneinneinneineineineineineineineineineinein. Handlos. Handlungsunfähig.
Sie schluchzte auf und fand sich in der Küche auf dem Boden mit ohne ihren Händen wieder und sie zweifelte, dass sie das war, diese Frau, die sie da sitzen sah wie eine alte Puppe, der die Hände ab-handen gekommen waren.
Sie schrie auf. Weinte. Wölfchen kam und nagte an ihren Schuhen und Socken. Sie strampelte. Er hörte nicht auf. So ließ sie das Strampeln sein.

Sie wusste nicht, wie viele Tage und Nächte sie da gesessen hatte und wie viele Anrufe nicht angenommen. Die Anrufe waren schließlich weniger geworden. Vermutlich der Chef, der sie abgeschrieben hatte. Endlich. Sie wählte die Einsamkeit und lebte von ihren Vorräten. Und saß die meiste Zeit auf dem Küchenboden, wo sie einst aufgewacht war, als ihre Welt sich vollkommen geändert gehabt hatte.
Wölfchen war inzwischen ein Wolf und so lang wie sie, wenn sie nebeneinander auf dem Küchenboden lagen.

Eines Tages klingelte es. Es war der Postbote. Er rief sie beim Namen. Sie antwortete nicht. Am nächsten Tag kam er wieder und klingelte, er habe ein Päckchen, rief er durch die geschlossene Wohnungstür. Wolf machte ein Geräusch. Ah sie sind doch da, kam es von außen, ich stelle das Päckchen vor die Tür, schönen Tag noch. Die Frau wartete, bis sie die Haustür ins Schloss fallen hörte, dann stürmte sie zur Tür. Mit dem Mund drehte sie den Schlüssel herum, mit dem sie sich einst eingesperrt hatte, damit die Welt draußen blieb. Und niemand einfach so hereinspazierte. Nicht dass es ihr jemals passiert war, aber man konnte ja nie wissen.
Endlich hatte sie die Tür mit Hilfe ihrer leidlich verheilten Armstümpfe und ihrem Mund die Tür zu öffnen gebracht. Das Päckchen mit dem Fuß hereingeschoben, und erstaunt betrachtet. Sie hatte seit Jahren nichts bestellt, die Familie gab es nicht mehr für sie, das Päckchen – mochte es ein Irrtum sein? Nein, da stand in schnörkeliger Handschrift gut leserlich ihr Name und ihre Adresse. Sie suchte nach einem Absender. Ganz klein mit ebender gleichen Schnörkelschrift stand auf der Rückseite. Abs.: die gute Fee. Augenbrauen hoch! Welch Wunder, was sollte das denn?

Sie schob das Päckchen unter die Flurkommode, es passte haargenau darunter. Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte und beschloss, es erst einmal gründlich zu vergessen.  

So war das also mit der Frau und dem Wolf und es ging eine ganze Zeit so dahin, so lange die Vorräte reichten. Eines Tages jedoch, war die letzte Packung Nudeln aufgebraucht, der letzte Rest Tomaten in Dosen zur Soße verkocht. Erstaunlich, wie lange man von Wenigem leben konnte, es schien ihr fast wie bei der Bergpredigt. Fünf Brote, zwei Fische. Tausende wurden satt. In ihrem Fall ein Mensch und ein Wolf. Sie hatte nur noch in „wir“gedacht.

Und wie das eben so ist, wenn etwas zu Ende geht, entsteht Raum für etwas Neues. Angst stieg wieder in ihr hoch. Sie musste 'raus. Und sie fürchtete sich davor, wie sie sich noch nie in ihrem Leben gefürchtet hatte. Sie verdrängte es erstmal und am nächsten Tag leckte der Wolf den Topf aus. Ihr Magen wurde ein Ungeheuer, er rumorte, knurrte ebenso wie der Wolf. Vor Hunger. Sie versuchte, sich abzulenken und den Wolf auch. Aber bald schon hingen ihnen beiden die Augenlider hinab. Es wurde zäh und sie beide würden verhungern. Naja, vermutlich würde sie umkippen und der Wolf würde sie dann fressen, dann war ihr Leben ja doch noch zu etwas nütze, dachte sie mit bitterem Lachen. Wenigstens, um einen domestizierten Wolf noch ein wenig länger leben zu lassen.
An allem war nur der Wolf schuld. Die Frau wünschte, sie hätte das Pelzei gleich in den Kompostkübel geworfen. Dann wäre es gar nicht so weit gekommen und sie hätte ihre Hände noch gehabt. Anstatt eines Schatten in Wolfgestalt, der ihr überall hin folgte und Hunger hatte. Der wütende rote Drache kehrte in ihren Bauch zurück. Sie wollte so nicht enden, nicht hier, nicht als Futter. Sie würde nicht mehr viel Zeit haben, das wusste sie.
Genug herumgewolft und Wölfchen hier, Wölfchen da. Jetzt reicht es. Und so tat sie eine List, die gefährlich war: in ein Zimmer einsperren konnte sie ihn nicht, er machte die Türen schneller auf, als sie sie verschließen konnte. Ein kluger Wolf. Die Frau ging in die Küche, nahm ihr schärfstes Messer zwischen die Zähne und stach sich in den rechten Armstummel, so dass das Blut herausfloss. Das fing sie mit einem Teller auf. Die Wunde tunkte sie in einen letzten Rest Wacholderschnaps, den sie in ein Limonadeglas gekippt hatte, nachdem sie zuvor genippt hatte. Den Armstummel beließ sie im Glas. Das Teller stellte sie in den Küchenschrank. Der Wolf kam und schnupperte, erst an ihr, dann nahm er die Witterung des Bluttellers auf. Weil er mittlerweile sehr sehr hungrig war, war sein Sinnen darauf ausgerichtet, den Teller zu finden und abzulecken. Er begann zu suchen. Die Frau ging schnurstracks zur Wohnungstür, ohne sich einen Mantel zu nehmen und ohne sich umzusehen, öffnete, ging hinaus und stieß die Tür von außen zu. Wolf drinnen. Und ohne sich umzusehen, verließ sie das Haus.
Das Gefühl, das sich ihrer bemächtigte, war so großartig und so schwindelerregend, wie sie es nie verspürt hatte. Frei. Ja, so fühlte sich Freiheit an. Sie sang und hüpfte, da rutschte ihr das Glas vom Armstummel und zersprang in tausend Scherben. Da setzte sie sich unter einen Baum und begann zu weinen. Zum ersten Mal seit sie das Pelzei geschlagen hatte, weinte sie und konnte nicht mehr aufhören.
In diesem Zustand fand sie ein Mann. Der sprach ruhig aber bestimmt mit ihr und sagte, er wisse Rat. Er habe eine Salbe, die Erstaunliches bewirke. Und außerdem seien Wunder in seiner Gegenwart eher normal. Er holte einen Tiegel aus Perlmutt aus seiner Tasche und als er ihn öffnete, verströmte eine Salbe ihren unglaublichen Duft. Die Frau nickte, obwohl er keine Frage gestellt hatte.
Also bestrich er ihre Armstummel mit der Salbe und küsste die Frau auf den Mund. Sogleich hörte sie auf zu weinen und merkte, dass ihre Hände nachwuchsen. Mit Staunen betrachtete sie, was geschah, während der Mann an ihrer Seite saß und sie anlächelte. Zunächst waren es winzig kleine Patschehändchen, fast durchsichtig, dann wurden die Hände größer, wie die eines Kindes, dann größer, bis sie schließlich genau zu der Frau passten und aufhörten zu wachsen. Sie waren wunderschön und schimmerten golden, wenn die Sonne darauf fiel.
Die Frau konnte ihr Glück kaum fassen, zwar hatte sie in der Zeit ohne Hände eine beachtliche Fertigkeit mit den Armen und dem Mund und den Füßen erlangt. Wie das eben so ist, wenn man einen Teil einbüßt, gleichen das andere Teile wieder aus.
So stand sie auf, der Mann verabschiedete sich, nicht ohne nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Er hatte ihr seinen Mantel gegeben, weil ihr kalt gewesen war. So stand sie denn da, die Sonne schien hell und sie hatte Hunger. Sie vergrub sich tief in dem Mantel, der gut roch. Und steckte die Hände in die Taschen. Da fand sie einen sehr großen Geldschein darin. Sie hatte gar nicht nach der Nummer des Mannes gefragt, fiel ihr plötzlich ein. Aber dann hielt sie es für Fügung, gab es männliche Feen? Bestimmt war er sowas. Sie ging in den nächsten Supermarkt und kaufte ordentlich ein. Sie griff zu und genoss es. Soviel sie tragen konnte. Allein der Gedanke, wieder etwas zu essen zu haben, versetzte sie in Hochstimmung. Mit den Taschen lief sie heim. Als sie an ihrer Tür ankam, wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit nicht an den Wolf gedacht hatte. Seltsam. So lange war er ihr Lebensmittelpunkt gewesen. Als sie die Tür öffnete, lag er in der Küche. Verhungert. Die Frau ließ die Taschen zu Boden sinken und sich selbst auch, direkt neben des Wolfs Kopf. Sie weinte abermals. Diesmal nicht um sich, sondern um ihn. Zärtlich streichelte sie sein Fell mit ihren neuen Händen. Dann schleppte sie den Leib in ihren Garten, hub eine große Grube aus, was ihr mächtig Kraft und Einsatz abverlangte. Dann legte sie den Wolf hinein und begrub seinen Leib. Sie benetzte das Grab mit ihren Tränen und befestigte den Boden mit ihren neuen bloßen Händen. Die Traurigkeit wohnt in der Erde. Als sie aufstehen wollte, hielt sie sich an einem Ast, weil ihre Beine taub geworden waren. Da fielen plötzlich tausende von Samen herab und als sie die Erde berührten, sprangen die Samen auf und es wuchs ein Meer von schönen Blumen auf dem Grab. Die Hoffnung wohnte schließlich auch in der Erde, die Freude auch. Der Mutterleib, aus dem alles kommt, zu dem alles geht. Selbst unsere Menschenkörper, dachte die Frau.
Sie ging wieder nach drinnen, öffnete alle ihre Fenster, veranstaltete den größten Frühjahrsputz ihres Lebens und verräumte die Vorräte. Dann kochte sie sich ein Festmahl und öffnete eine Flasche Wein. Da klingelte nach sehr langer Zeit wieder das Telefon. Es war der Mann, der wissen wollte, wie die Geschichte ausging.