RettiCH (Raphanus sativus)

Biergartenzeit! A Maß oder a Halbe und a Vesper. „Radi“ oder „Bier-Rette“ sagt man in Bayern, was natürlich schon auf die große Freundschaft zwischen dem Flüssigen und dem Scharfen hindeutet. Schließlich begleiten sie einander gern und gut. Manchmal sind die einfachsten Dinge die besten: Unter Kastanien sitzen, Schwarzbrot, Butter und einen Rettich dazu, das treibt einem vor Rührung und manchmal von seiner Schärfe die Tränen in die Augen! Ein Bier. Hmmm. Für so ein Mahl wird er in Spiralen geschnitten und eingesalzen, bis „er weint“, Flüssigkeit abgegeben hat, dann auf Tellern drapiert serviert, wie ein Kunstwerk, in sich verschlungen, von dem sich jeder „a seine Portion“ abzupft. – Best wenn zart. Sonst holzig. Dann nimma guat. Aber des merkt ma' glei', wie so viel im Leben!

Für den Rest des Volks ist er der Rettich, der in verschiedenen Farben und Formen daherkommt: Im Winter eher schwarz und als Knolle, rau wie Kohle, jetzt mit roter Haut oder durch und durch weiß, glatt wie ein Babypopo. Bis zu einem knappen Meter kann die prächtige weiße Sommer-Rettich-Wurzel werden, der rote Kollege bleibt kleiner. Ah, und die Radieschen, sie gehören auch zur Familie! Die Wurzel, die solch wunderliche Namen trägt wie „Rex“ und „Münchner Bier“ und „Neckarruhm“ wächst gleich im ersten Jahr nach der Saat im satten Gartenboden. Ließe man ihn stehen, bildete sich im zweiten Jahr der Samen der krautigen Pflanze nach der Blüte in Schoten aus. Zuerst unter- dann überirdisch ist er also, der scharfe Gesell.

Man sagt den Bayern nach, dass es wegen dem vielen Rettich, der hier vertilgt wird, weniger Leber- und Gallekranke gibt. Vielleicht liegt's auch daran, dass die Natur der Menschen hier eine rauhe, schnell überbrodelnde cholerische ist, mit Gepolter und Rauferei. Man war und ist heftiger, gradraus, nicht so gebremst vornehm, Säfte und Gedanken für sich behaltend, wie anderswo in der Republik. Wer jetzt das Bild eines ehemaligen sehr bekannten Politikers vor sich hat, liegt nicht falsch. Ist es besser, rauszulassen, was einen drückt? In der 4-Säftelehre des griechischen Arzts Hippokrates ist der Zusammenhang zwischen Leber, Galle und den besagten Gefühlsausbrüchen begründet. Das griechische Wort „Cholé“ bedeutet zugleich Galle und Zorn.
Ein zugehöriger Meridian (die Energiebahn) verläuft übrigens seitlich am Mittelfinger, deshalb wird dieser wohl leichtsam gezückt, hat uns etwas sehr wütend gemacht. Stinkefinger. Wutfinger. Die überbrodelnde Galle, der heiß-trockene Körpersaft, verlangt nach „Löschung“, nach Ausgleich. Den fand man – nicht nur in Bayern – im beruhigenden Gerstensaft. Und im scharfen Rettich. Und machte daraus die... Gemütlichkeit.
Wer mit der Galle und Leber zu tun hat, dem könnte der Rettich gut Freund sein. „Er muss auch bei Gott nicht immer vom Biere begleitet sein!“ Bei wem Verdacht auf Gallensteine besteht, bitte Vorsicht! Rettich könnte unter Umständen akute Zustände verursachen und die Dinger in schmerzhafte Bewegung bringen. Wer's mit dem Magen hat, kann den rohen wilden Gesell manchmal auch nicht gut vertragen. Bitte spüren Sie selbst, was und wieviel gut tut – und fragen Sie im Zweifelsfall ihren Arzt!

Im Mittelalter waren die scharfen Rüben oftmals eins der wenigen Gemüse, das geschätzt und vor allem auch von der armen Bevölkerung gegessen wurde. Gut so! Bei den damaligen hygienischen Verhältnissen (man kippte schließlich allen Unrat und alle Notdurft aus dem Fenster auf die Straße) war die antibakterielle Wirkung des Rettich bestimmt hilfreich.
Aber der Rettich kann noch viel mehr als all das. In der Chinesischen Medizin wird er auch der Lunge zugeordnet. Wir wissen es eh aus eigener Erfahrung: Scharfes lässt uns nach Luft schnappen. Vielleicht kennen noch viele unter Ihnen das alte Hausmittel gegen Husten und Katarrh der oberen Luftwege: Man nehme einen Rettich und höhle ihn so gut es geht aus, fülle ihn mit Kandiszucker und lasse ihn über Nacht stehen. Dabei löst sich der Zucker auf – und aus dem Rettich den hustenlindernden, entschleimenden Saft heraus, den man Esslöffelweise einnehmen kann. Er schmeckt sehr eigenwillig, aber wenn schon – wenn's hilft, hilfts. Oder?
Eine Frau erzählte mir unlängst, sie hätte einen Rettich aus versehen gekocht. Und als sie es merkte, habe sie ihn weggeworfen. Welche Verschwendung! In der asiatischen Küche kennt man den Rettich nicht nur als Einlage in die klare Suppe. Ich lebte mal ein Jahr in Frankreich, dort lernte ich die Navets, hierzulande Mairübchen genannt, kennen. Sie sehen aus wie knollige weiße Rettiche, groß wie eine Kinderfaust, die um den Laubansatz ein wenig Lila abbekommen haben. Sie werden ab Mai geerntet, daher vermutlich der Name. Die Mairübe spielte eine große Rolle als Kulturpflanze in Europa, bevor die Kartoffel im 16. Jhdt. aus Amerika zu uns kam. Mairübchen haben große Ähnlichkeit mit Rettich, enthalten auch die scharfen Senföle und sind gleichwohl vitaminreich.
Seither koche ich auch Rettich gern als Gemüse. Dazu schwitzt man die Stücke oder Würfel kurz in einer Flocke Butter an, wer mag, kann mit ein wenig Mehl stauben und mit Brühe angießen, bissfest dünsten und mit Muskat und evtl. einem Schluck Sahne abschmecken. Petersilie oder Koriandersamen (z.B. aus einer Pfeffermühle gemahlen) darüber, oder was Ihre Fantasie sonst noch hergibt.
In jedem Fall ist die Salatversion auch eine meiner liebsten: Dafür Rettich raffeln, salzen, Essig und Öl dazu, pfeffern und einen guten Schuss flüssige Schlagsahne.
Rettich mag ebenso wie den Soloauftritt die Gesellschaft von Gurke, – ein Salat aus den beiden – schön erfrischend und Flüssigkeit spendend an einem heißen Grilltag. Riecht zwar ein bisschen nach Pups, wenn man ihn kühl gestellt und abgedeckt hat und dann nach einiger Zeit den Deckel lüpft. Und genau das macht er auch mit uns: Er lüpft uns, manchmal mit den entstehenden Winden, aber auch, indem er unsere Säfte in Bewegung bringt. Ohne dass wir uns bewegen müssen. Mit ihm gehts gemütlich, wie von selbst!
Ich mag's gern, von Lebensmitteln möglichst viel zu verwerten. Für gewöhnlich schneiden die meisten Leute das Laub weg, wenn es überhaupt noch dran ist und nehmen nur die Wurzel zur Speise. Als Gemüse gekocht, kann man weite Teile des Grünzeugs mit hinzu nehmen. – Wenn man mag. Und ich ermuntere dazu, etwas auszuprobieren: Mit Radieschenblättern lässt sich nämlich eine sehr geniale Suppe kochen: Kartoffeln und Zwiebel, klein gewürfelt, mit den geschnittenen Blättern in Butter andünsten, evtl. mit wenig Wermut ablöschen, mit Brühe angießen, weich kochen lassen, würzen, pürieren und mit Sahne verfeinern.

Nehmen wir her, was da ist! Und denken wir an die einfachen guten Dinge. Wie den gesalzenen Rettich. Manchmal brauchts so wenig, um froh und zufrieden zu sein. Ein Plätzchen draußen. Gute Gesellschaft (…heißt manchmal auch, allein mit sich zu sein). Gute Gedanken. Und eventuell ein Glas mit kühlem golden-schaumigem Inhalt vor sich. Alsdenn, ein Prosit der Gemütlichkeit!
rülpst Ihre Kräuterhexe

erscheint in der Juliausgabe des „Schaufenster“, regional von Ulm bis zum Bodensee