Um den heißen Brei

von jemandem, der nicht in die Pötte kommt


Es war einmal ein Huhn, das hatte viel zu tun. Eines Tages hatte es jedoch nicht nur ein Korn gefunden, sondern ein ganzes Teller voller süß duftenden sämigen Breis. Das stand unweit vom Haus und dampfte nur noch wenig.
Wer mochte es dahin gestellt haben? Wem gehörte es? so dachte das Huhn eins ums andere und umrundete dabei das Teller. Es war sehr hungrig gewesen. Sein Magen knurrte wie das eines großen, bösen Wolfs, aber es lief ums Teller herum, rundherum, in die eine und dann in die andere Richtung. Mit der Uhr, gegen die Uhr, als erhoffe es sich dadurch eine Idee. Aber nichts geschah. Das Teller stand und stand und stand dabei und das Huhn rannte drumherum. Immer aufgeregter wurde es, konnte es doch nicht fassen, dass dies Teller da stand und von niemandem noch nicht geholt, gegessen oder vermisst zu werden schien.
Das Huhn war ein kluges Huhn. Es hatte schon früher alle anderen Hühner im Stall in die Federn gesteckt. Pah, irgendwas muss doch daran faul sein. Und es wähnte eine Verschwörung. Vergiftung. Oder sowas in der Art. Und lief weiter drumherum und wieder und in die andere Richtung und vor Aufregung konnte es nicht weg vom Teller, aber fraß auch nicht davon, probierte nicht einmal, nichtmal einen Schnabel voll. Zu gefährlich.
Als ob dieses Problem nicht schon genug war, dämmerte es auch noch, und des Huhns Not wurde damit größer. Was tun? Den Teller im Stich lassen, knurrenden Magens? Oder Wache schieben und der Gefahr laufen, vom Fuchs verspeist zu werden und zum Dessert den Brei oben auf zu bekommen. Na danke. So schlau war es zumindest. Es dunkelte. Gleich würde der Bauer nachzählen und dann die Falle beim Hühnerstall schließen. Na gut, dann geh ich eben mit hungrigem Magen auf die Stange zum Schlafen, dachte das Huhn und huschte hurtig mit wehenden Federn die Hühnerleiter hoch. Dann schloss der Bauer die Falle. Das Huhn machte die ganze Nacht kein Auge zu. Es musste ständig an das Teller denken.
Verkatert und steif und unausgeschlafen rannte es des Morgens sofort hinaus, als geöffnet wurde. Es schlug auffällig unauffällig ein paar Haken, machte einige Umwege, damit ihm kein anderes Huhn folgte. Schließlich stand es ganz allein vor dem immer noch gefüllten Teller. Niemand ausser ein paar kleinen Ameisen hatten den Teller entdeckt. Und die Ameisen, ach, das war doch eine nette Fleischeinlage. Und wieder kreisten die Gedanken im Hühnerkopf und rundherum ging‘s ums Teller. Immer schneller. Mit der Uhr, gegen die Uhr, rundherum.
Es gab so viel zu tun, was sollte es nur mit dem Teller machen.... rundherum, mit der Uhr, gegen die Uhr. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als es plötzlich auf die Idee kam, den Teller in Sicherheit zu bringen. Damit die anderen dummen Hühner davon keinen Wind bekamen. Gedacht, getan. So mühte das Huhn sich ab, einen Weg zu finden, das Teller mit Brei fortzuschaffen. Ein Huhn und ein Teller. Sehr witzig. Der Brei war nicht mehr warm. Das stellte es sofort fest, als es aus Versehen mit dem linken Fuß hineinrutschte, beim Versuch, den Teller zu schieben.
Es dämmerte und das Huhn hatte noch immer keine Ahnung, was es mit dem Brei machen sollte, aber es hatte das Teller zumindest einmal ganze zwei Zentimeter in Richtung Sicherheit gebracht. Fast war es ein wenig stolz auf sich. Aber kurz bevor der Bauer die Falle wieder schloss, wurde es gewahr, dass es den ganzen Tag nichts gegessen hatte und eigentlich vor dem ähnlichen Problem wie am Vortag stand. Obwohl – nicht ganz. Es meinte zu wissen, dass das Teller ihr gehören konnte, wenn es einmal in Sicherheit gebracht war. Bis dato schien niemand anders Interesse daran zu haben, außer vielleicht ein paar dummer Hühner, falls sie es entdeckten, doch das würde es zu verhindern wissen, dachte das Huhn und schob das Teller mit aller Kraft weitere zwei Zentimeter in Sicherheit. Damit war es den ganzen Tag beschäftigt. Fast ein wenig schwach wankte es schließlich am Abend zum Hühnerstall, erklomm wieder die Hühnerleiter und setzte sich auf die Stange zum Schlafen. Morgen würde es das Teller mit dem Brei weiter in Sicherheit bringen. Noch weiter.
Und so stürmte das Huhn wieder heraus aus dem Stall, als geöffnet wurde, schlug auffällig unauffällig ein paar Haken, machte einige Umwege, damit ihm kein anderes Huhn folgte. Aber die waren so dumm und merkten nicht einmal, wo der Schatz lag. Es raste um die Ecke und fand den Teller – noch immer gefüllt, nur mit dem Fußabdruck eines Huhns darin. Nanu?
Was hatte das zu bedeuten? Es rannte um den Teller herum, mit der Uhr, gegen die Uhr, im Hühnerkopf stürmten die Gedanken. Nun war es noch wichtiger, den Teller in Sicherheit zu bringen. Und am Abend, das Huhn war stolz wie Oskar, war das Teller gewiss schon 6 Zentimeter in Sicherheit. Haha. Es würde es allen anderen zeigen und essen konnte man ein andermal. Nun war etwas anderes wichtiger. Wieder torkelte sie mit dem letzten Licht in den Hühnerstall, der Bauer ließ die Falle herunter und wunderte sich über das Huhn, das irgendwie nicht ganz bei Kräften war. Er nahm sich vor, es zu beobachten.
Am nächsten Morgen stürmte das Huhn als erstes aus dem Stall und er vermochte nicht, ihm zu folgen, denn es schlug ein paar Haken, machte einige Umwege. Geschafft. Und das Teller war noch gefüllt, wenngleich der Brei darin nun eine Farbe wie Zeitungspapier anzunehmen schien. Außerdem hockte nun der halbe Ameisenstaat darauf. Egal. Lecker. Weniger Brei, dafür mehr Eiweiß. Obwohl man von zuviel Ameise Sodbrennen bekam. Erstmal in Sicherheit bringen, dachte das Huhn und schaffte wieder den ganzen Tag daran, das Teller weiter in Sicherheit zu bringen. 8 Zentimeter, quasi eine Heldentat. So tat ihm auch alles weh,  als das Huhn am Abend in Richtung Hühnerstall wankte. Der Bauer schüttelte den Kopf und überlegte, was zu tun war, wenn das Huhn ernsthaft erkrankt war. Auch zum Schutz der anderen Hühner. Er nahm sich vor, das Huhn besser zu beobachten.
Am nächsten Tag sah der Bauer das Huhn hinters Haus wackeln, wo es verschwand. Er beschloss, ihm noch ein, zwei Tage zu lassen, ehe er eingriff. Abends schlingerte das Huhn bereits, aber es schaffte es die Hühnerleiter hoch, – kein schlechtes Zeichen, dachte der Bauer.
Am Tag darauf eierte das Huhn wieder als erstes hinters Haus. Und kehrte nicht vor dem Abend zurück, kaum dass es sich auf den Beinen halten konnte. Aber die Hühnerleiter hoch. Gut. Morgen.
Dem Huhn, das nun neben den anderen auf der Stange saß, grübelte nach, wie es das Teller am nächsten Tag noch besser in Sicherheit bringen konnte. Und konnte dabei die Augen nicht mehr auf hal   te          n      .
Die Sonne weckte es und voller Schrecken sah es, dass die anderen Hühner schon draußen waren. Rasend stürmte es hinaus, es schlug ein paar Haken, machte einige Umwege, damit ihm der Bauer nicht folgte und auch kein anderes Huhn. Aber der Bauer folgte ihm ein gutes Stück und fand das Huhn doch. Den Rest konnte der sich denken. Meinte er zumindest, als er das Teller mit dem grau gewordenen Brei sah, den seine Frau zum Abkühlen wohl hinaus gestellt und dann vergessen hatte.
Doch das musste bereits Tage zurück liegen, denn seine Frau war vor einer Woche abgereist, um ihre Schwester zu besuchen. Er beobachtete das Huhn. Es fraß nicht vom Brei, sondern vollführte einen seltsamen Tanz um den Teller, mit der Uhr, gegen die Uhr, stemmte sich gegen das Teller. Als würde es diesen schieben wollen. Was um Himmels Willen tat das Huhn da?
Wieso fraß es den Brei nicht?
Als der Bauer schließlich einen Schritt auf das Huhn zu machte, schreckte es wie gebissen auf und wollte weglaufen, so schien es zumindest, aber es wankte bedenklich. Dann fiel es um. Der Bauer kam geschwind hinzu und packte das Huhn bei den Beinen. Es war noch am Leben. Gott-sei-Dank!
Meine Güte, du siehst ja erbärmlich aus. Er nahm es mit sich auf die Gartenbank, eingeklemmt unter seinem rechten Arm und flößte ihm warmen Kamillentee aus seiner nicht ganz leer getrunkenen Frühstückstasse ein und streichelte es und wunderte sich noch immer. Das entgeisterte Huhn streckte den Kopf heraus und öffnete wieder die Augen. Weiters rührte es sich nicht. Da fütterte es der Bauer mit dem Rest seines Honigmarmeladebrotes. Bröckchen für Bröckchen. Das tat dem Huhn offensichtlich herzlich gut. Dann setzte er es auf das andere Kissen, das auf der Gartenbank lag, und betrachtete dieses seltsame Huhn.
Jedes andere hätte sich auf den Teller Brei gestürzt und hätte mit dem Schnabel tausend mal darein gepickt, bis der letzte Rest verräumt gewesen wäre. Auch wenn er bereits Tage alt war.
Nach einer halben Stunde hatte sich das Huhn etwas erholt. Irgendwie hatte der Bauer das Gefühl, dass das Huhn gar nicht krank war, – ein wenig verspult vielleicht – aber nicht krank. Er kannte seine Hühner. Und dies war sein bestes Legehuhn. Wäre schad‘ drum gewesen.
Er stand auf und hob den Teller mit dem alten Brei auf und ging damit ums Haus. Das Huhn wollte protestieren, aber es konnte nicht. Bald hörte es die Kolleginnen lauthals darum streiten. Die dummen Hühner! Vermutlich hatte der Bauer den alten Brei auf den Mist gekippt. Ach, dachte das Huhn, da müht man sich nun ab, und das ist der Dank! Da stolzierte die blöde Ursula, das fetteste Huhn daher und blickte hoch zur Gartenbank. Was glaubst du, was es gerade gab? Herrlich süßen leckeren Brei. Nicht mehr ganz frisch, aber himmlisch. Ich habe mir ein zwei Schnabel voll erkämpft. Sie verdrehte schwärmerisch die Augen. Mir wird gleich schlecht! dachte das Huhn auf der Bank. Die ist nicht nur fett, sondern wirklich blöd.
Das Huhn namens Ursula behielt jedoch seinen verträumten Blick bei und säuselte: Ah, wie herrlich das wohl frisch schmecken mag... Das zu erleben muss der Himmel auf Erden sein! und schritt an der Gartenbank vorbei.
Auf der saß ein Huhn, das den Kopf einzog und die Welt nicht mehr verstand.