Vom Löffeln

Wie es zu manch' Erfindung kommt ist gar wundersam und entsteht oft aus Hunger.

Es war einmal ein Mann, der lebte in seiner ärgsten Bescheidenheit und fand keinen Weg daraus. Ihm fiel kein Weg sonst ein und im Herzen konnte er es gerade nicht spüren. So kam es, dass ihn eines Tages wieder großer Hunger plagte. Jedes Reiftlein Brot war aufgezehrt, die Krümel alle zusammen gekratzt und weit und breit kein Töpfchen in seinem Kämmerchen, das Eßbares verhieß.
Er legte die Stirn in tiefe Runzeln und dachte bei sich, dass er ebenso hinaus in die Welt gehen könne und dort verhungern und der Welt ihre eigene Schande zeigen, weil sie ihn doch vergessen hatte und vergessen hatte, ihn zu nähren.

Als er so ohne jedes Gepäck ging, kam ihm auf einmal ein Hase entgegen gehoppelt. Der war offensichtlich bester Dinge, lief Haken, nur zur Freude und schien schier Purzelbäume zu schlagen. Der Mann blieb stehen. Er sah dem Hasen zu, wie er geradewegs ihm entgegen hüpfte. Hey, rief der Hase voll Übermut, was ist Dir denn über die Leber gelaufen? Hmgrr. Der Mann vermochte nicht an sich zu halten, klagte über sein elendes Leben und schüttete sein Herz aus, wie es Menschen manchmal tun, wenn sie sich ihrer Last ein wenig erleichtern wollen und gerade einer daher kommt, der sein Ohr geneigt zum Zuhören. Als der Mann geendet hatte, rollte der Hase die Augen, schnuffte in die Luft und sagte, was hast Du Glück, hier hinter dem nächsten Busch kocht ein Süppchen. Davon darfst Du gern essen.
Der Mann schlappte missmutig hinter dem Hasen her, obwohl er an Gesagtem zweifelte. Aber was hatte er schon zu verlieren? Und siehe da, hinter dem nächsten Busch kochte tatsächlich ein kupferner Kessel mit köstlich duftender Suppe. Gierig wollte der Mann sich auf sie stürzen, gar sein Gesicht eintauchen in den köstlichen Saft, merkte aber, dass sie siedend heiß war und er sich nicht nur die Zunge verbrennen würde.
Also Kessel vom Feuer, Suppe im Kessel dampfend. So musste man wohl oder übel warten. Man wartete und wartete und wartete, bis die Suppe endlich so weit abgekühlt war, dass Mund und Maul keinen Schaden nehmen würden. Aber womit sollte er essen? Suppe... hmmm. Womit soll ich die Suppe essen, fragte der Mann den Hasen. Der Topf war zu unhandlich, um ihn im Ganzen an die Lippen zu setzen. Mit den Händen schöpfen? Das rann ihm durch die Finger.
Er blickte zum Hasen. Zum Topf und wieder – zum Hasen. Dabei fiel ihm auf, dass dessen Ohren oben rundlich waren und eine Kuhle hatten, gerade so wie eine kleine Schale mit Verlängerung zum Halten. Was hast Du? fragte der Hase ihn mit dem Unterton, den jemand seiner Stimme gibt, wenn einem etwas schwant, das heißt soviel wie man ahnt, dass was kommt, aber nicht was!
Da packte der Mann den Hasen beim Schopfe. Der Hase strampelte wie wild, weil er sich so erschreckte. Halt still, schrie ihn der Mann an, ich will was ausprobieren! Der Hase hielt still so gut er konnte, wie er da zitterte. Da nahm der Mann ein Ohr des Hasen, bog es zurecht, tauchte in die Suppe ein, hob es wieder an und siehe da, es war in etwa die Menge darin, die im Mund Platz hatte, ein Maulvoll eben. Langsam führte er das Ohr an seinen Mund und schlürfte genüsslich daraus.
Unbeschreiblich war dies, die warme Suppe in sich zu spüren, die noch besser schmeckte als sie duftete. Der Hunger hatte ein Ende! Wegen seines Hasenglücks. Hilfe hilft eben helfen. Er tauchte wieder ein und wieder und wieder und aß genüsslich so viel, bis er pappesatt war. Ab und zu fand er vom Ohr des Hasen ein Haar in der Suppe, woraus später eine Redensart entstand, aber das ist eine andere Geschichte.
Als er fertig gegessen hatte, leckte er dem Hasen das Ohr sauber. Der murrte – na endlich habe ich meinen Löffel wieder! Wie hast du dein Ohr gerade genannt? fragte der Mann. „Löffel“, entgegnete ihm der Hase. Der Mann sprang auf, dankte dem Hasen von Herzen und ging heim. Dort malte er sogleich ein Gerät auf, mit dem man Suppe essen konnte, das ähnlich dem Hasenohr aussah. Er nannte es „Löffel“.
Weil es so praktisch und vornehm war, die Suppe nicht mehr aus der Schale schlürfen zu müssen, benutzte von da an alle Welt Löffel. Und der Mann war unendlich reich für sein Leben.

Menschen die übergroße Löffel benutzen, nehmen das Maul manchmal zu voll. Aber das ist auch eine andere Geschichte.