Vom Ungeheuer, das Worte fraß

wenn man sich fürchtet, etwas zu sagen, aber auch weiß, dass es keine andere Möglichkeit gibt...

Ein schreckliches Ungeheuer lebte lange Zeit unbehelligt in seiner dunklen Höhle nahe beim Dorf. Es war gefräßig über die Maßen und verleibte sich alles ein, was lebendig war. Ganz besonders liebte das Ungeheuer Worte, vor allem schöne Worte. Die, so sagte man, würde es verschlucken und sich nicht mehr daran erinnern. Deshalb hatte es wohl einen solchen Heißhunger danach. Die Menschen im Dorf fürchteten das Ungeheuer. Keiner hatte es je gesehen, doch sein Brüllen ließ die Umgebung immer wieder erzittern. So fing man an, es zu verehren, weil man hoffte, es durch Ehrerbietung zufrieden zu stellen. Man brachte ihm Körbe voller Buchstaben: Liebevoll sortiert in Selbstlaute und Mitlaute, Tunwörter und Namenwörter. Schachteln und Kisten mit Satzzeichen. Gläser voller Punkte, Kelche mit Fragezeichen und Schüsseln mit Doppelpunkten. Besonders waren die Teller mit Strichpunkt und Gedankenstrichen, weil die selten waren und daher äußerst begehrt. Ganz außergewöhnlich war, wenn man ein Wort in einer Flasche gefangen hatte: das konnten nur wenige und nur ganz wenige kurze Worte taugten überhaupt dazu, gefangen zu werden. Das waren Worte wie ja, kurz, Furz, Mai, ob, arg, bis, dann, usw. Wenn ein solch gefangenes Wort unweit der Höhle aufgestellt ward, hörte man das anerkennende Grunzen des Ungeheuers weit hin. Jedoch machte sich jeder schnell aus dem Staub, um nicht selbst gefressen zu werden.
In der warmen Jahreszeit war Leben neben dem Ungeheuer gut möglich. Es ernährte sich von den Tieren, die vorbei liefen und ab und zu von einem Versprecher, der in der Luft lag. Aber im Winter, wenn es kalt und karg war und die Nahrung für alle knapp, schnappte das Ungeheuer schon mal oder sog einem die Worte buchstäblich durch die Nase aus. So schien das Dorf im Winter zu verstummen und buchstäblich zu verhungern. Traf man jemanden auf der Straße und wollte sich unterhalten, kamen einem plötzlich die Worte abhanden. Eins ums andere verschwand. Das war trist und jeder sehnte den Frühling herbei, wo das Leben leichter ward und die Schmetterlinge wieder flogen. Und den Sommer und den bunten Herbst, mochte jeder gern leiden.
Außer einer.
Es gab immer eine im Dorf, der es graute vor dem Blätterfallen: Irgendwann, man wusste gar nicht mehr so genau wann, hatte das Dorf begonnen, Jungfrauen dem Ungeheuer zu opfern. Und das geschah einmal im Jahr, im Herbst, damit das Ungeheuer die Dorfbewohner in Ruhe ließ und gut über den Winter kam, ohne sich an den Ställen oder Wohnhäusern zu vergreifen. Die Jungfrau musste im weißen Kleid hinab ins Tal zu der Höhle laufen – barfuß – ohne Schuhe zu tragen. Mit einem Körbchen mit Marmelade und einem Laib Brot und einer Flasche Honigwein.
Die Jungfrau wurde an Allerseelen ausgelost. Sie mußte das ganze Jahr Geschichten lernen und aufsagen können, um das Ungeheuer durch ihre Worte zu nähren. War das Mädchen gut, überstand man im Dorf den Winter besser. Aber genau wusste man das ja nicht, es war nämlich keine jemals zurück gekommen. Und die meisten taten sich schwer, über das Unangenehme zu reden.
So war wieder einmal der gefürchtete Allerseelentag und alle unverheirateten Mädchen hatten in der Kirche vor den Pfarrer zu treten, der die im Weihwasserkessel schwimmenden Nüsse beaufsichtigte, eine Nuss herauszufischen und diese der Dorfgemeinschaft zu zeigen. Fand sich an der Nussunterseite ein schwarzes Kreuz, war das Opfer gefunden und alle anderen konnten bis zum nächsten Jahr aufatmen oder sich schnell heiraten lassen. Diesmal hatte es eine getroffen, die klug war und mutig und wortreich. Sie legte die bekreuzigte Nuss erhobenen Hauptes in die rotbackige Hand des Pfarrers. Und ging gemessenen Schrittes durch die Reihen der Dorfleute. Einige hatten Tränen in den Augen, einige grinsten spöttisch und einigen schien die Miene zu Stein geworden zu sein.
Sie bereitete sich gut vor, las, redete mit denen, die ihr lieb waren, setzte sich in die Sonne, streifte durch die Felder und Wälder und sog das pure Leben in sich ein und kostete jede Begegnung wie ein gutes Glas Wein bis auf den letzten Tropfen aus. Sie nahm die Farben der Natur in ihrer Pracht wahr, die Sonne, ließ den Wind mit ihrem Haar spielen und ging im Regen spazieren. Als ihr Freund kam und ihr vorschlug, sich aus dem Staub zu machen, weit fort zu laufen, zu entfliehen, sah sie ihn voller Liebe an, strich ihm über die Wange und schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe Hoffnung, das Ungeheuer zu bezwingen. Ich bleibe. Ich habe die Aufgabe, ihm ins Auge zu blicken.“ Und so ging der Junge allein fort, weil er das nicht mit ansehen wollte. Als nun der Tag des Abschieds von der Familie gekommen war und der Laib, das Glas und die Flasche im Korb warteten, zog das Mädchen das weiße Gewand an, drückte jeden, der ihr lieb war an sich, nahm den Korb, streifte die Pantoffeln ab und ging, ohne sich umzusehen. Freilich war es ihr so bang, wie uns manchmal, sie spürte ihr Herz laut klopfen. Aber sie zwang sich, ruhig zu atmen und nicht zu denken. Und sie setzte mit Bedacht einen Fuß vor den anderen auf den reifbedeckten Boden. So kam sie schließlich an des Ungeheuers Höhle. Es hatte sie bereits gerochen und empfing sie mit einem Brummen wie Donnergrollen.
Das kluge Mädchen wartete und setzte sich in der Höhle nieder. Das Ungeheuer stampfte und brüllte, doch das Mädchen sah es nur an. Als das Ungeheuer ihren Blick erwiderte, spürte sie, dass sie überleben würde. Unbandige Freude stieg in ihr auf. Ein Wort formte sich in ihrer Kehle und noch eins und sie fing an, eine Geschichte zu erzählen. Leise erst, dann lebendig und laut. Sie funkelte, sprühte, sprach Bilder, flüsterte und schrie. Es ist, als würde ich meine Stimme finden, dachte das Mädchen.
So fraß das Ungeheuer all ihre leckeren Worte mit Genuss: Die lauten, die leisen, die langen und kurzen, die gesäuselten und die gerufenen. Wohlig gesättigt schlief das Ungeheuer ein und es wäre fast gemütlich gewesen in der Höhle, die erfüllt war von seinem sanftem Schnarchen. Das Mädchen machte Feuer und biss von ihrem Brot. So war sie also gut durch den Tag gekommen. Was sollte sie nun tun? Was geschah, wenn sie die Augen schloss? Wenn der Schlaf sie übermannte? Verzweifeln oder Vertrauen? Da wählte sie lieber das Vertrauen, das sich anfühlte, als hätte sie die warme Abendsonne verschluckt. Vertrauen fühlte sich gut an. Dann war es richtig. Ihr Gedanken, seid so lieb und macht mir keine Angst, sondern steht wie zwei folgsame Pferdchen still in meinem Kopf, dachte sie noch, ehe sie einschlief.
Als sie am Morgen gesund und unversehrt erwachte, packte sie die pure Lebensfreude und die Geschichten sprudelten nur so aus ihr heraus. Sie erzählte vom Regen, in dem man spazieren konnte, von den Gräsern, durch die man laufen, von den bunten Blättern, die man sammeln konnte und von den Feldern und Wäldern und vom Dorf und von fernen Städten und Ländern, von Menschen und Mäusen, von Engeln und von Teufeln.
Weder Brot noch Mädchen rührte das Ungeheuer an, da deren Worte köstlicher waren, als alles, von dem es bisher gekostet hatte. Das Mädchen aß vom Brot mit Bedacht und kaute lang, damit es weit reichte. Die Marmelade nahm sie, wenn sie Lust dazu hatte und manchmal, um dem Ungeheuer davon ums Maul zu schmieren. Wenn sie sich sehr einsam fühlte, nahm sie einen Schluck vom süßen Honigwein.
Mit der Zeit bemerkte das Mädchen, dass sie Macht hatte mit ihren Worten. Sie konnte das Ungeheuer zu Tränen rühren, es dröhnend lachen machen oder ungeduldig. Je nach Geschichte, die sie erzählte, je nach Worten, die sie wählte.
Und so fing sie an zu bestimmen, wann erzählt und zugehört wurde. Wann es zu essen gab. Wann das Feuer entzündet wurde. Wann geruht wurde. Das gab ihr noch mehr Kraft und Mut. Dann entdeckte sie, dass sie ihren Worten Gestalt verleihen konnte, dass ihre Worte Gestalten formten, die sich in der Höhle bewegten, bevor das Ungeheuer sie fraß. An dem Tag, als das Brot trotz ihrer äußersten Genügsamkeit aufgegessen war, traf sie eine Entscheidung: sie war sicher, dass das Ungeheuer sie niemals gehen lassen würde. Dazu schmeckten ihm ihre Worte zu gut. Also würde sie kämpfen. Nein, sie würde ihre Worte für sich kämpfen lassen. Nun spürte sie doch ein wenig Angst. So verstrich ein Tag, dann zwei, dann drei Tage und schließlich eine Woche. Der Hunger begann, sie mürbe zu machen. Da konnte sie nicht länger warten. Sie musste sprechen. Dienstag war es so weit. Sie fing an zu erzählen, vom Ungeheuer, das in einer Höhle wohnte.
Das Ungeheuer war erstaunt, als es die gewaltige Gestalt aus Worten erblickte. Es riß das Maul auf, aber vermochte nicht, diese Worte zu fressen. Es wurde wütend. Und es kämpfte. Und schlug um sich. Und das Mädchen saß ruhig daneben und schaute zu. Und sie sah, dass das Ungeheuer nun gewaltigen Anlauf nahm und mit einem Mark erschütternden Krach gegen die Worte des Mädchens donnerte und schließlich tot herniedersank. Dann war Stille.
Da stand das Mädchen auf, klopfte den Staub aus ihren Kleidern, ging heim und lebte, wie sie wollte. Sie wählte, glücklich zu sein, jeden Tag ihres Lebens. Und sie schenkte sich selbst jeden Tag die schönsten Worte, weil sie ja wusste, welche Kraft den Worten innewohnt. Als bekannt wurde, dass das Ungeheuer tot war, gingen die Leute zur Höhle. Dort fand man unzählige Gebisse, die das Ungeheuer gesammelt hatte als Andenken. Manche nahmen sich eins mit heim, auch als Andenken.

Wer will, dem erzählt das Mädchen heute noch seine Geschichte und die endet immer so: „Ihr seht also, das kann geschehen, wenn man sagt, was man will, auch wenn einem ein Ungeheuer gegenüber steht.“