Von der Hexe,

deren Nase am Boden festgewachsen war

von Lebensangst und woher das Wort „Rathaus“ kommt

Es war einmal eine Hexe, die hatte schon lange in ihrer Einöde gelebt. Sie teilte ihre Gesellschaft mit einem Raben und einer schwarzen Katze, wie das für Hexen so üblich ist. Sie hatte ein paar großartige Warzen im Gesicht, wie das für Hexen so üblich ist, und eine sehr, sehr lange Nase, was für Hexen üblich ist, aber in dieser Länge gänzlich ungewöhnlich. Ihre Nase war so lang, dass sich ihr Rabe bequem darauf setzen konnte. Und hintenrum zierte sie ein stattlicher Buckel. Der Buckel drückte sie. Freilich waren andere Hexen darum neidisch, aber die sahen den Buckel ja nur von außen und mussten ihn nicht durch die Welt schleppen. Bald lief sie so krumm, dass ihr Rabe nicht mehr auf ihrer Nase sitzen konnte. Obwohl er fürs Gleichgewicht flatterte, rutschte er ab. Also setzte er sich lieber auf den Buckel – der Ausblick von dort war ähnlich gut wie vorn auf der Nase. Was hinter ihnen lag, sah man sogar noch besser!
So wurde der Rabe allmählich zu den Augen der Hexe. Er sagte an, welches Wetter zu erwarten sei, wann die Äpfel im Garten reif waren und wenn Besuch kam. Das Gewicht des Buckels glich dem eines riesigen Steinblocks und drückte die Hexe nieder. Ihr Blick war nun stets zur Erde gerichtet. Wie und wann dieser Zustand einst begonnen hatte, vermochte sie nicht mehr zu sagen, doch sie nahm es hin, was sollte sie schon machen?
Bald schon konnte sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Lieblingsbeschäftigung aller Hexen, nicht mehr nachgehen: Hexen lieben es, auf Hecken zu sitzen und einen Fuß zur einen Seite, den anderen Fuß zur anderen Seite herunter baumeln zu lassen. Daher kommt nämlich auch der Name Hexe – vom Hag, also der Hecke, die zwei Welten trennt. Und Hexen sind von jeher die, die von beiden Welten wissen. Das jagt Manchem die pure Angst in die Knochen. Einfacher war es oft, Hexen aus dem Dorf zu jagen und schauerliche Geschichten mit Warzen und Buckeln über sie zu erzählen. Jedenfalls wohnte man als Hexe bis dahin eher abseits und die Raben umflogen diese Häuschen, die manchmal gar aus Zucker gebaut waren. Und doch gingen viele heimlich zu ihnen, um sich Rat und Kräuter zu holen oder sich die heilende Hand auflegen zu lassen.  
Tja, vielleicht war unsere Hexe das ganze Hexentheater leid und nahm der Welt die Sache krumm. Der Buckel hatte auch einen Vorteil, man brauchte sich um gewisse Dinge nicht mehr zu kümmern, da man sie einfach nicht mehr sah. Auf die eigenen Fußspitzen zu starren machte die Welt überschaubar, dachte sie traurig.
Es kam der Tag, an dem die Hexe mit der Nase den Boden berührte. Und ihr Rabe hatte sich indes zu einem lärmenden Scheusal entwickelt. Die Hexe hörte nicht mehr auf ihn, so schrie er noch lauter und eindringlicher, so dass es kaum zu ertragen war. Die Besucher blieben aus, Keiner kam zum tratschen oder fragte sie um Rat. Die gingen jetzt in ein Haus, in denen sich die Kranken sammelten, um gemeinsam krank zu sein.
Die Hexe war eine gewesen, die einen erkannt hatte. Manchmal stellte sie nur die richtige Frage, die der Besucher selbst beantworten musste. Mancher würgte daran, bis er es endlich ausspie und sich besser fühlte. Die Hexe war anders als andere gewesen. Das hat den meisten ein wohlig-schauriges Gefühl eingejagt. Und wer sich einmal zu ihr getraut hatte, der kam beschenkt heim. Manchen hatte sie in die Welt geholfen und manchen aus der Welt. Anscheinend war nun Schluß damit. Keiner kam mehr.
Da blieb die Hexe stehen: Sie beugte sich vornüber und stützte sich mit der Nase auf die Erde. So verharrte sie drei Tage und Nächte lang wie eingefroren. Am Morgen des vierten Tages war die Nase der Hexe am Boden festgewachsen. Nichts ging mehr. Die Nase ließ sich nicht mehr von der Erde lösen. Da weinte die Hexe bitterlich und ihre Tränen benetzten die Nasenwurzel, die daraufhin noch tiefer in die Erde wuchs. So konnte sie sich nicht von der Stelle rühren.
Der Rabe versorgte sie mit Beeren und Körnern, die sie nur widerwillig aß. Die Katze putzte sie und strich um ihre Beine. So dachte sie nun, sterben zu müssen, als eines Morgens – sie hatte aufgehört, die Tage zu zählen, seit sie mit der Nase festgewachsen war – zwei nackte Füßchen mit schmutzigen Zehen auftauchten. Mehr konnte die Hexe nicht erkennen. Aber die Füße gehörten einem Mädchen, dessen freundliche Stimme ihr eine Wohltat war. „Liebe Hexe, Du weise Frau, ich bin gekommen, weil ich von Dir lernen möchte.“ „Was willst Du von mir lernen, – sehe ich so aus, als ob ich Dir etwas beibringen könnte, außer, wie man mit der Nase anwächst?“ blaffte die Hexe und wollte wissen, wer sie geschickt habe. Doch das Mädchen sagte, es sei selbst aus freiem Willen gekommen und weil sie von der Weisheit der Hexe gehört habe. Das nun erstaunte die Hexe über die Maßen.
Als sie sich gesammelt hatte, dachte sie nach, wie sie sich befreien könnte. So bat sie das Mädchen, ein Feuer aus Holunderholz zu machen und ihre Hexenkleider zu verbrennen. Die Flammen schlugen hoch und weithin sah man die Rauchsäule in Farben wie dunkle Beeren. Das Dorf schickte Boten und Kundschafter und als diese dort ankamen, sahen sie ein junges Mädchen mit schmutzigen Füßen und eine wunderschöne Frau, die nur mit ihrem blonden langen Haar bekleidet war und sie freundlich anblickte. Sie fragten, ob sie mit ins Dorf kommen wolle und die Frau nickte, weil sie wollte. Es wurde ein kostbares weißes Pferd gebracht und die schöne Frau saß auf. Sie nahm das Mädchen zu sich aufs Pferd und so ritten sie zum Dorf. Dort waren alle sehr erstaunt über die schöne Erscheinung. Frauen und Männer waren gleichsam angetan und jemand brachte ihr als Geschenk einen reich verzierten Mantel, den sie überwarf. Der Bürgermeister, der das Begrüßungskommittee anführte, verliebte sich augenblicklich in sie und fragte, ob sie mit ihm kommen wolle. Sie lächelte und ließ sich in sein Haus begleiten. Der Bürgermeister gefiel ihr und sie blieb bei ihm.
Schon bald kamen die Leute zur Schönen Hexe und fragten um Rat, deshalb wurde das Haus des Bürgermeisters von da an Rathaus genannt. Sie jedoch stellte denen, die zu ihr kamen die jeweils richtige Frage, die das Herz öffnete oder gab das Kraut dafür. Und die Menschen wurden gesund und blieben es. Sie wurde weithin verehrt.
Das Mädchen mit den schmutzigen Füßen lernte viel von der schönen Hexe und lebte bei ihr wie eine Tochter. Als sie genug gelernt hatte, küssten sich beide zum Abschied und das Mädchen ging ihrer eigenen Wege. Auch sie lebte glücklich und half vielen Menschen. Und eines Tages kam ein jüngeres Mädchen des Weges, das wiederum von ihr lernen wollte.