Von der Königin, die Tränen sammelte

eine Mutter-Tochter-Geschichte

Es war einmal eine Königin, die sah aus, wie aus Glas gemacht und sie lebte in einem Schloss aus Glas und trug ein Kleid aus Glas. Und ihre einzige Beschäftigung war diese: sie sammelte Tränen.
Große, kleine, runde, verzweifelte, heiße Tränen, Freudentränen und solche der tiefen herzzerreissenden Trauer. Wenn jemand weinte, ob Kind oder altes Mütterchen, ob Mann ob Frau, ob Krokodil, sofort hörte man ein Rauschen in der Luft und im verschwommenen Tränenschleier erschien die Königin der Tränen. Sie hob ein Fläschchen an die Lider der Weinenden und fing – schwupp – die Tränen auf und verschwand wieder. Das war eine Kunst, just im richtigen Augenblick zur Stelle zu sein, ehe die Tränen weggewischt waren oder sich mit Wimperntusche oder Rasierwasser vermischten. Besonders die verstohlenen Tränen und die heimlichen waren schwer zu erlangen. Früher, sagten die Leute, sei alles einfacher gewesen und klarer, auch die Tränen. Sie liefen einem herunter oder nicht. Heutzutagen können gar nicht mehr so viele überhaupt weinen. Heute lässt man eher weinen: im Fernsehen. Dabei sagte mir ein weiser Mann einmal, man sei ganz nah bei sich, wenn man weine und denen, die es nicht mehr tun, ist es meist elend.
Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die nicht mehr weinen. Nicht mal beim Zwiebel schneiden. Haben es verlernt oder abgeschafft, wer weiß. Tränen scheinen eine Reinigungsanlage für die Menschen zu sein, dachte die Königin, die Tränen sammelte. Das, worüber Tränen vergossen wurden, schien die Menschen nicht mehr so zu belasten, nachdem die Tränen draußen waren.
Und hinter jeder Träne steckt etwas anderes. Freudentränen zum Beispiel waren wie kleine lustig hüpfende Perlen, Geschenke an andere Menschen. Es fehlte nicht viel und man hätte Schleifchen an jeder Träne erkennen können. Und dann kommt es noch darauf an, wer sie geweint hat: Tränen sind so vielfältig wie die Menschen, die sie weinen. Und das interessierte die Königin der Tränen sehr.

Kostbar waren der Königin die geweinten Tränen und sie sammelte sie in den verschiedensten Fläschchen. Ihr Schloss war riesig und am Ende der Welt. Alle Wände waren von oben bis unten voller Regale, auf denen sie standen: große Fiolen, kleine Flakons, runde, eckige, geschliffene, solche, die in Regenbogenfarben schimmerten und durchsichtige. An jedem Fläschchen hing ein beschriebenes Zettelchen, das den Weinenden, Datum und Anlass des Weinens verzeichnete. Die Fläschchen waren allesamt thematisch geordnet. Es gab den Raum der Verzweifelten, den Raum der Freudentränen, den der Zwecktränen, den Raum der schmerzhaften Erinnerungen, den Raum der Trennung und den Raum der Trauer. Dabei achtete sie genau darauf, welche Beschaffenheit die Tränen hatten. Und ordnete sie auch nach diesen Gesichtspunkten. Freilich war es ganz schön mühevoll, diese vielen Fläschchen sortiert zu halten und abzustauben. Damit war sie den ganzen Tag beschäftigt, wenn sie nicht beim Tränen sammeln war und keinesfalls hätte sie je diese wichtigen Aufgaben einem Diener überlassen.
Falls wir jemals am Ende der Welt angelangt und dort gewesen wären, hätten wir sie bestimmt auf einer hohen Leiter stehen sehen. Klirrend stießen die vielen Unterröcke aneinander, als würden wir uns mit klingenden Gläsern zuprosten, wenn die Königin auf der Leiter stand und ihre Flakons mit dem Mopp aus Rabenfedern abstaubte. Der Anblick der unzähligen Reihen von Fläschchen erschütterte sie wie immer auf eine wohlige Art. So war sie irgendwie zufrieden.

Es gab ein sehr dunkles Zimmer im Schloß der Tränen: dort waren die Regale leer. Nicht ein einziges Fläschchen befand sich dort. Nur das große Bett der Königin mittendrin – wie eine Insel im Ozean. Es war mit dunkler Seide bespannt und mit Glockenblumen über und über bestickt. Füße und Himmel des Bettes waren kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und das Bett stand auf der Spitze des Salzbergs, auf den das Schloß gebaut war.
Das war der Raum der nicht geweinten Tränen – der Tränen, die den Weg nicht zu den Augen gefunden hatten. Deshalb waren die Regale leer. Die Luft war bitter und salzig, man konnte es auf der Zunge schmecken. Hier gab es kein Fenster und es war nichts zu spüren. Hier ruhte die Königin sich von ihrer anstrengenden Arbeit aus.
 
Tränensack, ihr treuer Diener, klopfte energisch an der Schlafzimmertüre und meldete, dass wieder ein tränendes Auge nach ihr verlangte und berichtete schnell, wo es zu finden sei. Nie versiegten die Tränen der Welt. Welch ein Glück für mich! dachte die Königin. Mit jedem Augenblick ward sie reicher und reicher – an Tränen von Anderen. Sie grinste bei dem Gedanken, schnappte sich einen neuen Karton Fläschchen und flog zur Tür hinaus.

Natürlich gab es Kandidaten, von denen standen tausende Fläschchen da und welche, die nur eins hervorgebracht hatten. Der Königin war das egal. Bei Frau Berkmillers Nachbarschaft machte sie oft reiche Beute oder auf Beerdigungen und bei Scheidungsanwälten. So fand sie unendlich viel über das Leben der Menschen, ihre Sorgen und Nöte und ihre Gefühle heraus und hätte eine Doktorarbeit darüber schreiben können. Aber sie behielt es lieber für sich.

Eines Tages war es wieder so weit: sie hatte genüsslich auf ihrem Glockenblumenbett geruht und die Welt schien still zu stehen, so ganz nach ihrem Geschmack, als ihr Diener Tränensack kam, um sie zu informieren, dass wieder irgendwo geweint wurde. So setzte sie eine neugierige Miene auf, schnappte sich ein rosa Flakon und flitzte fort. Sie kannte den Weg, flitzte um die Ecke und… auuuaaaa, blieb mit dem Auge an einer Wildrose hängen, die just in dem Moment unter einer kalten Schneelast zusammenbrach.

Die Königin, die normalerweise Tränen sammelte, zappelte wie ein Fisch am Haken, stak doch ein monströser Rosendorn in ihrem rechten Augapfel, sie jammerte und der Schmerz fuhr ihr in die Glieder. Das war ihr noch nie passiert. Für gewöhnlich überholte sie sogar die Zeit und sowas – nein – das war fast gänzlich unmöglich. Auuaaaa. Aber so was, – nein! Sie hielt sich mit der freien Hand das höllisch schmerzende Auge und fühlte etwas in sich aufsteigen, das sie kannte: die pure nackte Angst. Sie hörte auf zu zappeln. Gelähmt schienen nun ihre Glieder, während Panik und Schmerz ihren Körper erfassten.
Und dann passierte etwas, was sie nie mehr für möglich gehalten hatte: Eine kristallklare Träne sammelte sich in dem aufgespießten Auge. Erst wollte sie es nicht wahrhaben, aber dann wurde es offensichtlich: ihr rechtes Auge lief über, sie weinte. Die Königin, die sonst Tränen von anderen sammelte, weinte. Erst nur mit dem rechten Auge, doch das linke folgte. Sie konnte nicht mehr an sich halten, wie ein Sturzbach brach es aus ihr hervor und ihr Auge löste sich vom Dorn, als hätten ihre Tränen ihn mit ihrer sanften Kraft hinausgeschwemmt. Das Fläschchen! Dachte sie. Sie entkorkte es und fing ihre eigenen Tränen auf so gut es ging.
Wie ferngesteuert flog sie tränenüberströmt das Fläschchen mal am einen, mal am anderen Auge, zu ihrem Schloss zurück. Sie begab sich in ihren dunklen Raum, verriegelte die Tür und weinte und weinte. Längst war das Fläschchen voll und ihre Tränen vergossen sich weiter auf ihr Glaskleid, von wo sie herabliefen auf die gestickten Glockenblumen. Ihr Bett wurde gänzlich nass und weiter liefen ihre Tränen auf den Fußboden und auf den großen Salzberg, auf dessen Spitze ihr Bett stand und auf den das Schloss einst gebaut worden war.
Das Schloss erbebte sachte und sank langsam nieder, weil der Salzberg sich nach und nach in den Tränen der Königin auflöste. Schließlich schwamm das Schloss mitsamt dem königlichen Bett in einem großen Tränenmeer. Sanft schaukelte es bereits auf den Wellen. Als die Königin genug geweint hatte, hörte sie damit auf.
Sie wischte sich die Nase, blickte auf den tränennassen Boden ihres dunklen Zimmers und sah ihr eigenes Spiegelbild. Sie kannte die Frau kaum, die ihr da entgegenblickte. Wie verkleidet kam sie sich vor mit ihrem gläsernen Antlitz, den Haaren wie Glas, mit ihrem Glaskleid. All das hatte ihr einst solchen Gefallen bereitet?
Als wäre sie aus einem langen Traum erwacht, stand sie auf, öffnete ihre Tür und rief nach Tränensack. Sie bat ihn, Papier zu beschaffen, viel Papier, schnappte sich ihren goldenen Füller, setzte sich auf die Leiter im ersten Raum und fing an zu schreiben. Natürlich bei A.
Liebe Frau Amalie Geranie!
Ich habe einst viele ihrer Tränen gesammelt und in Fläschchen bei mir im Schloss aufbewahrt. Aber ich sehe heute, dass sie hier nur herumstehen und so weder Ihnen noch mir nützen. Ehrlich gesagt, sind sie mir mittlerweile zur Last geworden und ich sehe, ihnen mit dem Einsammeln Ihrer Tränen nicht wirklich gedient zu haben. Ein jeder sollte ein Recht auf seine eigenen Tränen haben! So bitte ich Sie, verehrte Frau Amalie, holen Sie ihre Tränen noch diese Woche bei mir ab (gläsernes Schloß, Schloßallee 1 Anlegeplatz 1, Ende der Welt, neuerdings mit Fährbetrieb täglich von 7 – 24 Uhr). Es sind 1278 Flakons, die ich unter ihrem Namen hier gelagert hatte, ein größeres Transportfahrzeug wäre vielleicht ratsam.
Es grüßt Sie hochachtungsvoll, die Königin, die Tränen sammelte

So schrieb sie denn an alle, die ihr einst ins Fläschchen geweint hatten. Und es ging ihr erstaunlich schnell und leicht von der Hand. Abertausende von Briefen brachte die Königin mit Hilfe ihres treuen Dieners zur Post. Und tatsächlich kamen in der darauf folgenden Woche Frau Amalie Geranie und die anderen, die einen Brief bekommen hatten. Und ein jeder nahm seine eigenen Tränen wieder an sich. Manche trugen ein Flakon zu Fähre, manche kamen mit dutzenden von Umzugskartons und luden ganze Laster voll. Manche schienen sich genau zu erinnern, wo und warum sie geweint hatten und sahen sich ihre Tränen noch einmal genau an. Manche wollten gar nicht hinsehen und manche fassten ihre Fläschchen wie etwas Ekliges mit spitzen Fingern an. Und manche warfen ihre Tränen gleich im hohen Bogen ins Meer.
Eine Woche lang schuftete die Königin wie wild, ihr Glaskleid hatte sie ausgezogen, es war doch zu unpraktisch gewesen. Sie hatte sich nicht richtig bewegen können. Statt dessen hatte sie sich was Schickes schicken lassen, in dem sie gut aussah und sich schön bewegen konnte.

Nach einer Woche waren alle Fläschchen abgeholt. Ruhe war wieder eingekehrt im Schloss und es schaukelte sanft im Meer. Die Königin, die Tränen gesammelt hatte, ging durch die Räume des Schlosses. Ihre Schritte hallten von den leeren Regalen wider. Sie lächelte. Als sie in den letzten Raum, den Raum der Trauer kam, der direkt vor ihrem dunklen Schlafzimmer mit dem Glockenblumenbett lag, erschrak sie: ein Leuchten kam vom obersten Regal. Sie konnte sich nicht erklären, was das war, war aber so neugierig, dass sie es herausfinden wollte. Sie schob die lange Leiter an die Stelle. Sprosse für Sprosse stieg sie hoch. Da war noch ein Fläschchen! Es sah aus wie das ihre, – jedoch das stand ganz sicher auf dem Nachttischchen bei ihrem Bett. Sie ging in Gedanken noch einmal die Liste mit den Namen durch – alle hatten ihre Tränen abgeholt. Sie streckte die Hand aus, um das bereits verblichene Namensschild, das daran gebunden war, umzudrehen. Sie las:
M-A-M-A
O nein, sie hatte Mama vergessen, ihre Mutter. Sie nahm den Flakon vom Regal und stieg behutsam herab. Den Blick auf das Fläschchen ihrer Mutter geheftet, ging sie zu ihrem Bett. Sie setzte sich auf 5 Glockenblumen gleichzeitig und stellte das Fläschchen ihrer Mutter neben das ihre. Lange sah sie beide an. Sie glichen sich exakt.

Die Königin, die Tränen gesammelt hatte, packte die beiden Flakons in ein Köfferchen, gab ihrem treuen Diener die Freiheit, verließ das gläserne Schloss und machte sich auf den Weg zu ihrer Mutter. Sie hatten einander lange nicht gesehen. Ihre Mutter wohnte am anderen Ende der Welt und als sie nun aufsuchte, bemerkte sie, dass auch deren Schloss dem ihren aufs Haar glich. Bis hin zu den Glockenblumen auf dem Bett.
Das hatte sie so noch nie wahrgenommen. Mutter war wie immer beschäftigt, ihren treuen Diener zurechtzuweisen und ihm Arbeiten aufzutragen. Und freilich hatte sie im Lauf ihres Lebens viel viel mehr Tränen gesammelt. Aber wie staunte die Königin, als sie sah, dass die allermeisten Flakons, die ihre Mutter da stehen hatte, von ihr selbst stammten und Zettel trugen mit der Aufschrift: T-O-C-H-T-E-R. Da war die Königin baff! Stumm besah sie sich jedes Flakon. Dann sah sie ihrer Mutter ins Gesicht und sagte: „Mama, ich nehme meine Tränen selbst. Sie gehören mir. Du brauchst sie nicht.“
Sie packte eines nach dem anderen ein. Dann küsste sie die Mutter mit ihren roten Lippen und ging mit ihren eigenen Tränen in die Welt. Dort ließ sie sich nieder und pflanzte einen großen, wunderschönen Garten. Sie säte die Samen, die sie fand und begoss sie mit den Tränen der Flakons. Sie öffnete ein Fläschchen nach dem anderen. Deshalb wuchsen in ihrem Garten die seltensten und schönsten Blumen, die man je auf der Welt gesehen hatte. Sie schlief auf der Erde und atmete das Leben. Und war rundum glücklich. Und sie wusste, warum das Meer salzig schmeckt und sich so gut anfühlt. Und manch anderes Geheimnis.