Von der Prinzessin, die stets bewundert sein wollte

lieben oder loben?

Es war einmal eine Prinzessin, die war klug und einigermaßen schön auch und sehr geschickt mit ihren Händen.
Als die Leute im Königreich das bemerkt hatten, bat andauernd einer darum, dass sie ihm was tue. Das konnte das Stricken eines Pullovers sein oder das Binden eines Blumenstraußes aus lauter Pralinen oder das Spielen auf dem Organon, einem Tasteninstrument, das sie leidlich beherrschte.
Was es auch war, was man der Prinzessin in die weichen Hände gab, es gelang ihr über die Maßen. Zudem verlieh sie allem, was sie schuf, eine Note von Herz, ein Leuchten. Und das machte die Leute satt, anders als Brot das zu tun vermag. Das brachte ihr alsbald einen Ruf ein, weit über die Grenzen des Königreichs, das die Prinzessin bewohnte.
Eines Tages kam einer, ein Prinz, zumindest sah er so aus und tat gar wohllöblich, der wollte keine selbstgestrickten Socken, kein selbstgemaltes Bild, kein selbst gewundenes Kränzchen und kein selbst geschneidertes Kleid, sondern der Prinzessin Herz.
Er stand vor ihr und forderte es mit dieser Art schüchternen Bestimmtheit, mit der mancher ans Ziel kommt, wenn er vorhat, einen Stein zu erweichen. Er tat nichts sonst. Dann kniete er nieder. Die Prinzessin war zunächst verwirrt, konnte sie sich doch nicht erklären, was der junge Mann wollte und ließ ihn erstmal knien. Da kniete er also Tag um Tag und selbst in der Nacht rückte er kein Jota fort. Er kniete und kniete. Und die Prinzessin fragte sich abermals, was, jenseits eines schönen Paars gestrickter Socken oder eines Bildes von ihr zu wollen sei. Mein Herz? Was meinte er damit? Soll ich mir‘s vielleicht mit der Stricknadel herausstechen? spöttelte sie.
Aber es beschäftigte sie schon. Er beschäftigte sie. Naja, er war ja auch nicht zu übersehen, wie er da im Saal kniete. Sie musste schließlich immer einen Bogen um ihn machen. Er schien nett. Sie errötete bei dem Gedanken an ihn.
Sie sann darüber nach und lief öfter durch den Saal als nötig, ließ den jungen Mann jedoch weiter knien und gab derweil den anderen Menschen, was sie wünschten, empfing deren Bewunderung dafür und machte so fort. So verging ein Jahr, während dessen sie vom Prinzen bekniet wurde. Sie fragte, ob er nichts anderes zu tun wisse. Doch, schon, aber nichts Wichtigeres, entgegnete der Prinz. Seine Knie schienen aus Stein und diese Beharrlichkeit, dieses unaufgeregte Aushalten beeindruckte die Prinzessin doch. Warum kniest du eigentlich? fragte sie ihn schließlich.
Weil du bewundert sein willst, sagte der Prinz. Und Bewunderung kommt immer von unten und steigt nach oben, wie Rauch. Andere meinen ihre Größe besser zu spüren, wenn sich einer vor ihnen kleiner macht. Oder kniet, dann ist man kleiner und doch gleich groß wie vorher und beugt sich in Ehrerbietung. Das tue ich hiermit.
Aha meinte die Prinzessin und warf ihn um. Da lachte der Prinz und blieb liegen. So war es schließlich auch gemütlicher, war er doch auf einem flauschig-dicken Perserteppich gelandet.
Die Prinzessin ließ ihn links liegen und schritt rechts an ihm vorbei, die Morgenzeitung im Gehen vor sich haltend. Am nächsten Tag, tat sie es gleich, der Prinz wusste, dass sie nicht hier durch musste, sondern wollte, um dies Spiel mit ihm zu spielen.
Aber anderntags war seine Geduld aufgebraucht und er beschloss, dass es genug war und beschloss, etwas zu tun. Als die Prinzessin in ihrem langen Morgenkleid, die Haare lose mit rosa Schleifchen hochgebunden, wunderschön verschlafen am dritten Tag wieder durch den Thronsaal ging, die Zeitung vor der Nase, stellte er ihr ein Bein, just als sie ihn wieder links liegen lassen wollte.
Das ging so schnell, die Zeitung flog in die Höhe, trennte sich in große Fetzen, die in der Luft schwebten, während die Prinzessin einen Plumps! machte und neben dem Prinzen unsanft zu liegen gekommen wäre, hätte er sie nicht aufgefangen. Also plumpste die Prinzessin auf den Prinzen und die Zeitungsblätter deckten sie eins nach dem anderen sachte zu.
Die Prinzessin öffnete ihren schönen Mund, um loszuschimpfen – der Prinz verschloss ihr denselben mit einem Kuss. Da war Stille. Ab und zu raschelten die Zeitungen wie ein Blätterwald.
So fand sie der König. Küssend vertieft und er blickte dankbar zum Himmel.
Warum hast du das getan? flüsterte die Prinzessin zum Prinzen unter den Zeitungsblättern. Du wolltest so sehr bewundert sein, und wolltest, dass man zu dir aufsieht, dafür hast du ja eine Menge getan in der Vergangenheit. Du wolltest über allen stehen und wegen deiner Fähigkeiten gelobt werden. Deine Taten über die anderen verstreuen wie ein goldener Baum seine Blätter. Dabei befandest du dich in großer Schaffensnot. Du brauchtest die Bewunderung mehr als Essen. Du standst auf einem beachtlichen Sockel. Da konnte und wollte ich nicht hinauf. Ich kann nicht stricken. Will es gar nicht. Dich aber will ich, weil du du bist. Weil ich in deinen Augen wie in einem süßen Sumpf versunken bin. Weil ich dich ohne deine Taten erkannt habe. Weil ich Dir ins Herz geschaut habe. Weil ich Dich liebe. Und Küssen geht nur auf Augenhöhe.  
Also habe ich dich zu mir geholt. Herunter von diesem Podest. Das kann meinetwegen zum Sperrmüll. Bewunderung wohnt sowieso bei dir, denn du bist ein vollkommenes Wunder, Prinzessin. Wollt ihr meine Prinzessin sein? Die Prinzessin nickte und lachte von Herzen frei, weil sie zum ersten mal im Leben rein gar nichts tun musste, um sich geliebt zu fühlen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, küssen sie heute noch. Nicht unbedingt unter Zeitungen liegend, sondern grad wo sie stehen und gehen.