Wie der Hase

zum Angsthasen wurde

Ein Hase mit krummer Nase wachte eines Tages auf und die Sonne schien ihm mitten ins Gesicht. Dennoch fühlte er sich flau im Magen – doch wer kann schon sagen, welcher Gedanke dieses Gefühl gemacht? Ha, normalerweise hätte er gelacht, doch heute wars anders um ihn bestellt, er fühlte sich komisch in der Welt.
Er fraß die zarten Löwenzahnblätter, allein es half nichts, die Welt schien nicht netter. Er sah sich um, plötzlich gewahr, dass hinter ihm eine Gestalt da war.
Erschrocken schoß er hoch, rannte gen Himmel, rannte hinfort. Bis er verschnaufte an einem andern Ort. Langsam in Zeitlupe wandte er den Kopf, AAAAAh, da war er wieder, der dunkle Schopf – hinter ihm. Er rannte weiter, stürzte in Gräben, hoch auf die Klippen, hinunter hinüber über Feld und Tal, auf Hügel ohne Zügel, er rannte, so schnell er konnte, bis er sich nicht mehr kannte. Hielt inne, langsam über die rechte Schulter geschaut, da war er wieder, der Kerl, der dunkle, sogleich spürt er Frost auf der Haut. Und es war Sommer. Nicht das erste mal in seinem Leben, eben. Doch spuckte er und schluckte und nahm die Füße in die Hand, die Pfoten, die roten, und rannte, so schnell er kannte. Ihm deuchte, dass der Unhold die Krallen ausstreckte, nach seinem Puschel, in Fuschel und Böses ausheckte, er malte sich groß und dunkel die Bedrohung und lief und flog fast und schlug Haken. Allein es half nichts, er hielt nicht mehr an, denn er spürte ihn, er wußte, da hinter ihm lief so schnell wie er war der Grausame, der große, der schwarze. Wer? Sollte er nun sterben, was würde er tun, der Garstige, der Furchtbare, der Gewaltige, gar übel Gestaltige? Egal, welche Wege, wohin er auch rannte, es schien, dass der andre die Richtung schon kannte. oh weh, oh ach, ach schneller, keinen Heller geb’ ich mehr auf mein Leben, ach, oh, hinauf, hinab, der Sonne entgegen, schneller, über Klee, über Schnee, über Gras, das war’s, aus, das Leben, der Spaß, hechel, schnaufend, laufend, rennend, niemanden, keinen am Wegesrand kennend, kein Entkommen, keine Insel, kein Schlupf, lauf, lauf, auf, rette die Haut, rette, keine Gnade, ade, schade, so wie ach wo weh wei – der Hase fiel um, sein Leben war vorbei.

Hätte er sich umgeschaut und sich getraut so hätte er gesehen, dass das, was ihn verfolgte, seine eigene Angst war und die Angst vor der Angst war so schlimm, dass er lieber sterben mochte, als sich umzuwenden und seinem eigenen Schatten ins Gesicht zu blicken. Aber leichter gesagt als getan. Und so stehen wir am Grabstein des Hasen mit der krummen Nasen. Und die Sonne scheint. Wer hat geweint?