Wie die Pflanzen auf die Erde kamen

Vor langer, langer Zeit lebte ein Indianer glücklich mit seiner jungen, schönen Frau. Die Frau lebte in den Tag hinein, ohne Pläne zu machen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen und tat, was zu tun war: sie stand auf, ging zu Ihrem Lieblingsbaum, um dort zu beten. Sie betrachtete den Baum jeden Tag, wie er seine Krone tief in den Boden verschlungen hatte, den Stamm wie eine Säule, die Wurzeln hoch in die Weiten des Universums gereckt. Jeden Tag kam sie zu ihrem Baum, betete bei ihm, sah ihn sich an. Dann ging sie zurück, verrichtete ihre Arbeit, legte sich schlafen, stand wieder auf, ging zum Baum, ging an ihre Arbeit, ging schlafen. Und so fort.
Eines Tages war jedoch etwas anders als sonst – sie lief aufgeregt zu ihrem Mann, nachdem sie erwacht war, zerrte an ihm und berichtete: „Stell dir vor, ich habe heute Nacht geträumt, der Baum, mein Baum habe sich umgekehrt, stell Dir vor, er hatte die Wurzeln im Boden und die Krone nach oben gereckt – verrückt.“ Sogleich lief sie hin zu ihrem Baum, um nachzusehen. Aber da stand er noch wie eh und je, die Krone tief in den Boden verschlungen, den Stamm wie eine Säule, die Wurzeln hoch in die Weiten des Universums gereckt. Ah – seufzte sie und war beruhigt, dass ihr Baum der alte war. Sie betete, wie jeden Tag, ging an die Arbeit, ging schlafen. Da träumte sie wieder, der Baum habe sich umgekehrt, und träumte dasselbe von da an jede Nacht.
Schließlich ging sie zu ihrem Mann, erzählte ihm von ihrem wiederkehrenden Traum und freudestrahlend verkündete sie ihm: „wir sind guter Hoffnung, wir bekommen ein Kind!“ Der Mann war hocherfreut, runzelte jedoch die Stirn und bat sie, auf sich und das Leben in ihr aufzupassen und ja in kein Loch zu fallen.

Die Frau wunderte sich. Sie verstand, dass er sich um sie und das Ungeborene sorgte, verstand aber die Sache mit dem Loch nicht. In welches Loch? Ich kenne kein Loch, in das ich fallen könnte. Hmmm. So war sie nicht mehr und nicht weniger achtsam als sonst, stand des Morgens auf, ging zu ihrem Baum, um zu beten, betrachtete ihn, ging an ihre Arbeit, legte sich schlafen, träumte wieder den Traum vom umgekehrten Baum, stand auf, ging beten, arbeitete, legte sich nieder, träumte, stand auf und so fort. Die Zeit verging.

Eines Tages, da war es schließlich geschehen: sie kam zu ihrem Baum – da war er umgekehrt, genau so, wie sie es geträumt hatte. Die Krone war hoch in die Weiten des Universums gereckt, lediglich der Stamm war an seinem Platz, wie eine Säule und die Wurzeln waren tief in den Boden verschlungen. Sie war schockiert und betrachtete ihren verkehrten Baum. Von oben bis unten. Da sah sie, dass ein Wurzelarm den Boden durchbrach und ein Loch bildete, dunkel und rund und dahinter sah sie es grün und blau schimmern.
Und weil wir Frauen manchmal ein wenig neugierig sind, ging sie näher und näher und blickte ins Loch, sah es schimmern, kam näher an den Rand, sah es grün und blau schimmern, betrachtete, kam noch näher. Bis sie sich nicht mehr halten konnte und in das Loch fiel. Sie schrie und versuchte sich zu fangen, irgendetwas zu greifen, etwas zu packen, das sie halten möge, bekam nur die Samen und Wurzeln im Boden zu fassen und rutschte mit ihnen ab und fiel und fiel immer tiefer. Hinab Richtung Weltenmeer.

Die Meeresbewohner hatten sich versammelt: „Habt ihr gehört, die Erdenmutter fällt herunter, was können wir tun?“ Gemurmel und Raunen ging durch die Reihen, „man müsste sie auffangen!“, aber keiner hatte eine Idee,  wie dies geschehen könnte. Sie sahen sich um, suchten nach Rat, Eile war geboten, die Weltenmutter fiel in die Tiefe! „Die uralte Schildkröte! Die war so alt und so weise, sie konnte vielleicht helfen!“ Man schickte in aller Eile nach ihr und nahezu schwerelos glitt die Gerufene herbei, schwebte mühelos nach oben, tauchte schließlich mit dem Panzer aus dem Meer und blieb dort wie eine Insel, die aus dem Wasser ragte. „Ich werde sie auffangen, auf meinem Panzer. Aber der wird für den Fuß der Weltenmutter zu hart sein – wir brauchen etwas Weiches!“ Alle dachten nach: etwas Weiches? Wer hat etwas Weiches für die Erdenmutter?“ Fragend sahen sich die Meeresbewohner an. „Erde.“, meinte die weise alte Schildkröte. „Wo sollen wir Erde herbekommen?“ fragten die Meeresbewohner, die die Schildkröte umringten. „Hm, taucht tief bis zum Grund des Meeres, dort findet ihr Erde.“ Ein Trupp Meeresbewohner, durchweg Spezialisten in Tiefgang, tauchte unter, kam jedoch nach einer Weile, allesamt mit geröteten Augen, prustend, nach Atem ringend nach oben. „Wir konnten nicht“, berichtete einer atemlos, „es ist zu tief, zu schwer, wir haben es nicht geschafft.“ „Nochmal! Wer traut sich?“ Suchend wurde in die Runde geblickt, wer wohl mutig genug sei und willensstark und ausdauernd, um diese große Aufgabe zu erfüllen.

Eine kleine Wasserratte hob schüchtern die Hand. „Ich will es versuchen! Ich!“ Verwundert fragte die uralte Schildkröte: „Du willst es versuchen? Auch wenn es dein Leben kostet?“ Die kleine Wasserratte nickte, „auch wenn es mein Leben kostet.“ „Gut, dann tu es!“ Die kleine Wasserratte tauchte ab und alle Meeresbewohner unterstützten die Mission mit ihren guten Gedanken und der Kraft, die daraus erwuchs.
Die kleine Wasserratte tauchte. Tief und tiefer, als alle anderen je gewesen waren. Ihr wurde schwindlig, es war schier unmöglich, doch sie tauchte mit eisernem Willen weiter. Und als sie fast ohnmächtig wurde, spürte sie plötzlich den Grund. Sie packte eine Handvoll Erde und ließ sich begleitet von Millionen Luftbläschen nach oben tragen. Und als sie die uralte Schildkröte erreicht hatte, schwang sie die Hand mit der Erde aus dem Wasser und im hohen Bogen auf den Rücken der Schildkröte. Patsch! Geschafft! Das war keinen Moment zu früh, denn genau in diesem Augenblick fiel die Weltmutter auf die Erde auf den Rücken der Schildkröte. Unendliches Meer von Grün und Blau ringsum.
Sie schüttelte sich kurz und blickte um sich. Sie stand auf, dankte Gott und den Meeresbewohnern für ihre sichere Landung, fand es gar nicht so übel dort, segnete den Platz, indem sie die vier Himmelsrichtungen abschritt: nach Norden, nach Süden, machte überall eine ausladende, segnende Handbewegung, nach Westen und nach Osten und segnete auch die Mitte. So vergrößerte sie die Erdfläche und verteilte die Samen und Wurzeln, die ihr beim Sturz in die Arme geraten waren in alle Himmelsrichtungen. Und wie das mit heiligen Zaubersamen so ist, sprangen diese sogleich auf, als sie die Erde berührten und wurden zu mannigfaltigen, tausendschönen Bäumen und Blüten, Sträuchern und Blättern.

So kamen die Pflanzen auf die Erde und das Grün, das sie als Kleid tragen, ward von jeher ein Zeichen von guter Hoffnung und Neubeginn.