Wie der Zirkus entstand

Herr Zir war bekannt als grösster Küsser im Land. Er küsste wunderschön und mit geschlossenen Augen und mit offenen, sanft und wild und überall. Wo er in seiner Stadt auch hinkam und küsste, blieben alle Leute stehen, um ihm zuzusehen. Ein Zauber ging aus von diesem Küssen und Herr Zir war ein Meister darin. Das sprach sich herum und überall, wo Herr Zir ansetzte zu küssen, entstand ein Auflauf von Menschen, die ihm dabei zuschauen wollten. Besonders die Damen klatschten und hauchten errötend „Amen“. Gejubelt wurde auch, nach Herzenskräften.
Wenn es regnete, spannten die meisten ihre Schirme auf oder setzten sich breite Hüte auf den Kopf. Das machte die hinten stehenden missmutig, da ein nasser Zuschauer-Kollege die Sicht auf Herrn Zir verdeckte. Auch die Kleinen unter den Zuschauern hatten es bald leid, trotz Reckens und Streckens nur graue Schultern und Köpfe vor sich zu sehen, statt Herrn Zir, der küsste. Also brachten sie Stehleitern mit.

Da schlechtes Wetter zwar für’s Küssen kein Problem war, jedoch für’s Zuschauen einigermaßen unangenehm, beschloss einer, der schon im Krieg gesprungen war, seinen alten, weißen Fallschirm mitzubringen. Den sollten die äußeren, auf Leitern stehenden rundherum am Rand halten und so überdachen, was Herr Zir küsste. Doch wenn es regnete, war das kein Spass, auch mit der Zeit – da Herr Zir ein ausdauernder Küsser war – wurde einem die Hand lahm beim Halten des Stoffs. So brachten die Leute Latten und Besenstiele von zu Hause mit, so dass ein Zelt entstand, unter dem Herr Zir von da an küsste.

In den Kusspausen konnte es schon mal langweilig werden, so trat eines Tages einer hervor, der Witze erzählen und Späße machen konnte. Und noch einer, der Hut und Stock und Schuh in die Luft werfen und wieder zu fangen vermochte und Frau Lecker brachte aus ihrer Back­stube feinste Zuckerwaren, die die Zuschauer kaufen konnten. Und wenn gelegentlich ein Tier vorbeitrabte, das etwas zu zeigen hatte, ließ man es gewähren und einer strich zu alledem über seine Geige, ein anderer blies die Mundharmonika. So wurde nach und nach eine ganze Nachmittags- oder Abendlust daraus: Herr Zir küsste und küsste und an alledem konnte sich keiner satt sehen.

Das Küssen von Herrn Zir wurde alsbald so beliebt und über die Stadt hinaus bekannt, dass Leute von weit her kamen, um ihn bei seiner Kunst zu sehen. Damit sie das Zelt gleich finden würden, malte man es bunt an und schrieb in großen Buchstaben Z I R K U SS darauf. Schon bald bekam Herr Zir Briefe aus anderen Städten und Amerika, er möge doch kommen und sein Küssen darbieten. Weil er verwöhnt war, schickte man ihm möblierte Wagen, damit die Reise angenehm sei, und jeder, der sich präsentieren mochte, durfte mitkommen: der Jongleur, der Spassmacher, der Ochse, der jedem übers Gesicht schleckte, die Musikanten und viele mehr.
So kam Herr Zir an etliche Orte und hat dort zeigen können, wie er küsst. Und die Musik hat jedes mal dazu gespielt.

Viele hat er inspiriert, und viele haben es ihm gleich tun wollen und haben angefangen zu küssen. Seither ist dasselbe weit verbreitet und denen, die es tun, ist immer, als würde die Musik dazu spielen.


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