Die Linde Tilia platyphyllos und Tilia cordata (Sommer- und Winterlinde) 

Ein Weichling. Und eine der großen Baumriesen. Veteranin. Ein Baum mit Potenzial, zehn und mehr Menschengenerationen zu überdauern! Man sagt, eine Linde würde 300 Jahre kommen, 300 Jahre bleiben und 300 Jahre gehen. Wir sehen, welche Kostbarkeit in ihr liegt, gewachsen mit dem, was die Linde in ihrem langen Leben gesehen und bezeugt hat. Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, in der wir durch die Schleier schauen? Ist technische Effektivität und Verkehrsfluss oder betonlastiger Städtebau wichtiger? Einfach abholzen, umschneiden können wir Menschen schnell – aber macht es letztlich Sinn, oder reitet uns auch manchmal die Überheblichkeit, die uns fix und oft ohne Not zur Kettensäge greifen lässt? (Verzeihen Sie, aber ja, ich finde, wir haben uns über die Natur erhoben und manchmal schmerzlich weit. Wir sind Teil dieser Welt und Teil der Natur und wir spüren sehr gut, wie wohl uns das Grün und das Rauschen der Blätter und der Duft der Lindenblüten tut.) Wir sehen, dass eine Pflanze mit ihrer Umgebung etwas macht. Sie besitzt eine Seele. Ebenso wie Sie oder ich. Kinder können dies oft noch spüren und die Bereitschaft solch inneres Ur-Wissen wieder zu entdecken, wächst in vielen Menschen.

Die Linde gilt als Hausbaum und bot mit ihrer ausladenden Krone seit Menschengedenken einen geschützten Versammlungsplatz. Linden stehen deswegen oft zentral und laden unter ihr Dach ein in Orten, Klöstern und Burghöfen. Sie ist ein den Menschen zugewandter Baum. Um sie, unter ihr wurden Schwüre geschworen, um Hände angehalten, Liebe bezeugt, es wurde geredet, getanzt. Sie ist seit alters her der Baum des Volkes. In ihr – ich nenne sie hier schon dauernd als weibliches Wesen – wohnt eine innige mütterliche Weichheit. Im deutschen Sprachraum soll es über tausend Orte geben, die die Linde im Namen führen – natürlich auch Lindau, aber auch Linz und Leipzig und viele andere sind auf den weichen Baum mit den herzförmigen Blättern zurückzuführen.
Siegfried wurde ein herabsegelndes solches Lindenblatt zum wunden Punkt, als er in des Drachen Blut badete. Es verlieh dem Ur-deutschen Helden gemäß dem Nibelungenlied eine stählerne Haut – Unverwundbarkeit. Seine einzig weiche Stelle war die, die ein herabfallendes Lindenblatt bewahrte, weil es keinen Tropfen dieses Kryptonits dort an des Helden Haut ließ. (Superman kennt es auch – wer mag, lese in DC-Comics nach und erforsche dies mysteriöse Metall, das irgendwie verwandt scheint mit Drachenblut) Der Lindwurm ist ein geschmeidiger, weicher, nachgiebiger  Drache, der einst einer der Hüter des Paradieses gewesen ist und begegnet uns wieder als Torwächter, wenn wir da wieder hinkommen...

Die Linde war neben der Eiche ein sogenannter Thingbaum. Unter ihr wurde in germanischer Zeit Gericht gesprochen. Urteile unter Linden gesprochen galten als weniger hart als die, die bei Eichen zustande kamen – wen wundert‘s, wenn wir das bereits Gelesene bedenken. In ihr verehrten die Germanen die Muttergöttin Freya, wegen der auch der Freitag so heißt, wie er heißt. Und ja, der 13. ist ein besonderer Glückstag – wir Frauen sollten ihn freudestrahlend feiern und uns selbst einen Lindenzweig oder 13 rote Rosen schenken. Warum? Die 13 bezeichnet die Anzahl der Mondzyklen im Jahr und genauso oft haben wir Frauen unsere Tage. Dass diese Zahl mit einem schlechten Omen belegt wurde hat, wenn wir es wollen, damit ausgedient. Freya war die Göttin der Liebe und des Glücks, der Fruchtbarkeit und des guten Hausstandes. Mit der Christianisierung wurden aus vielen Freya-Linden-Heiligtümern Marienorte gemacht, die so bis in unsere Zeit überlebten.
Daran können wir auch sehen, wie unterschiedlich der Umgang mit männlich und weiblich war: Die männlichen Donnergott Donar-Eichen hieb man, allen voran der hl. Bonifatius, um. Die weiblichen Linden durften bleiben – angepasst.

Die Linde wurde sehr geschätzt, sie lieferte neben den Blüten für Tee, den man bei Erkältung zum Schwitzen trinkt, auch tausendfach Nahrung für Bienen. Deren Summen ist je nach Gegend Juni bis Juli weithin in den heiter mit den kleinen Pompon-ähnlichen Blüten mit Segelblatt über und über bestückten Baumkronen zu hören und zu spüren, weil viel tausendfacher Flügelschlag die Luft in solche Vibration versetzt.
Schnitzer schätzen ihr Holz, an Eiche würden sie sich manchen Zahn ausbeißen und trotz bester Stemmeisen und Messer sich unendlich mühen. Da ist die Linde schon geschmeidiger. Sie gilt als das Schnitzholz überhaupt. Man sagt, wer kann, solle ein Stück Lindenholz oder ein geschnitztes Amulett aus Linde bei sich tragen. Lindenholz gibt nämlich seine guten Eigenschaften an alles weiter, was damit in Berührung kommt. Nicht von ungefähr wurde sie „lignum sanctum“, heiliges Holz, genannt. Der Baum selbst, soll den Ort, an dem sie steht, vor Schaden bewahren und den Bittstellern, die zu ihr kamen, Krankheiten abnehmen. Sie ist ein Baum, der beide Seiten in uns und der Welt zu einen sucht, wie sie in ihren Herzblättern zeigt. Die Kronen junger Lindenbäume ähneln selbst einem umgedrehten Herz, das seine Spitze gen Himmel reckt. Sie leitet uns untrüglich zur Mitte, wie unser Herz in uns. Im Alter entwickelt die Linde oft eine ungeahnte Lebendigkeit – sie verjüngt sich von innen heraus – das ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit.

Nervenschwachen, gestressten oder depressiven Menschen wurde angeraten, sich lange unter blühenden Lindenbäumen aufzuhalten. Der Duft, den die Linde verströmt, hat eine beruhigende, befreiende Wirkung. Auch als Einschlafhilfe, um sanft in den Schlaf zu gleiten, wird sie empfohlen. Eine Tasse mit Honig. All die Erkältungs- und Winterkrankheiten LINDert sie – von Schnupfen über Fieber, Hals und Ohrenschmerzen reicht ihr Wirkspektrum laut Volksmedizin und weiter. Bei Magenschwäche lohnt, Tee aus Lindenblättern gebrüht, zu sich zu nehmen, für Schönheit, diese frisch auf Augen und Gesicht zu legen, sagte schon Hildegard von Bingen. Lindenkohle aus der Apotheke macht Sinn bei Blähungen, Verstopfung, Durchfall, Appetitlosigkeit, aufgeblähtem Bauch, sagt man und nicht nur für Haustiere bei Durchfall, wenn sie Ungutes gefressen haben. Die Linde bindet auch hier Gift und Säure. Sie festigt das Zahnfleisch und macht die Zähne sehr sauber – dazu rät es sich, getrocknete Salbeiblätter mit ihr zu zermörsern. Die Mischung gibt man auf die feuchte Zahnbürste – und putzt...

Früher wurden aus Lindenbast, der sich zwischen Rinde und Holz befindet, Pinsel und Seile, aber auch Matten und gar Kleidung hergestellt. Er lässt sich von der Rinde ablösen, die mit Steinen beschwert Tage, Wochen und Monate lang ins Wasser gelegt wurden. Dieser frische feuchte Lindenbast diente dereinst auch als Verbandmaterial bei Verbrennungen. Linde-rnd, wiederum.

Die Linde bringt die Menschen zusammen und stimmt uns sanft. Mit ihr schmückten sich die Pilger, die einen Weg der Erkenntnis und Läuterung antraten. Was ist unser Weg? Gehen wir Schritt für Schritt. Lassen wir uns begleiten, von der Linde und den guten Mächten, die dazu gern bereit sind. Die haben wir alle allemal und alle mal nötig. Sie kommen gern, aber nur, wenn wir sie darum bitten. Also – jetzt vielleicht einen bewussten Blick zum Himmel... – schön, wenn er eine satte Linden-Baumkrone streift.

Ihre Kräuterhexe Claudia

in der Juliausgabe 2020 des „Schaufenster“, von Ulm bis zum Bodensee