Origanum majorana und vulgare



Der Majoran heißt auch Dost und wird „echt“ genannt und wächst in unseren Gärten und ist mehrjährig und blüht rosa. In kleinen Büscheln aus zarten Lippenblüten blüht er selbst jetzt noch. (Wenn man genau hinschaut, sieht es aus, als würden winzige Geschöpfe ihre Münder weit aufsperren.) Der Bruder, Oregano, auch „wilder Majoran“, ist das duftende Kraut für Pizza, Pasta und Co. Er hat kleinere, meist hellere Blättchen und eher weißliche Blüten, die die Pflanze wie ein Kopf zieren, und ist behaarter. Sein Duftbukett nimmt uns sofort ein wie eine schmelzend gesungene Arie eines italienischen Tenors. Er macht uns das Gefühl von Urlaub oder zumindest von unbeschwertem Dolce Vita.
Ja, danach hungert es uns bitterlich nach Zeiten des Abgesperrt-Seins, von Isolation und Kontaktverbot. Wir wollen’s schön haben, ja klar. Und klappt’s? Haben Sie’s schön? Fühlen Sie sich frei und rundum glücklich?

T'schuldigung, ich stelle schon wieder diese komischen Fragen – weil es wichtig ist, dass wir uns selbst wahrnehmen und immer wieder schaun, wer wir grad sind, wo wir hinschippern und was das macht – mit meinem Umfeld, mit Ihrem Umfeld. Weil viele Umfelder zusammen machen eine Gesellschaft… Was kommt nach dem Dolce Vita? Wofür leben Sie? Wofür würden Sie sterben?

Allerheiligen und Allerseelen kommt. Die Zeit, da wir unserer Toten gedenken – die Tage sind kurz und die Nächte lang. Für manchen von Ihnen  sogar sehr lang. Ich weiß. Das Leben will gelebt sein und im besten Fall nicht nur hinter uns gebracht werden, sondern gemeistert. Also was hält Sie wach? Wie meistert man das alles, was das Leben von uns will? Meisterschaft. Was ist das? Hmmm, würde ich morgen abtreten können und sagen: „Ja, alles fein, ich hab’ das Beste von mir auf die Welt gebracht. Ich bin „lebenssatt“ wie Abraham und kann gehen.“  (wer nachlesen mag in der Bibel in 1 Mose 25,7) Nun ja, wenn Sie, die Sie dies lesen, älter sind und tatsächlich viel gesehen haben... – ist es für Sie wahrscheinlicher und leichter? Oder kommt in Ihnen gleichwohl wie bei den Jüngeren hier, die Welle hoch mit einem lauten „NEIN! – Ich will noch so viel!!!!!!!!“ Was wollen wir jenseits von eBike, neuem Auto oder Chanel-Kostüm? Also was macht uns nachhaltig satt? Reicht es jemals? Auch wenn wir wieder fliegen und uns treffen und in Diskos gehen dürfen? Was macht mich satt? Jenseits von Leberkäs’ oder einer schönen Lasagne? (In denen übrigens beiderseits Majoran Platz findet.) Was soll das alles hier? Das sind schwierige Fragen. Gedanken, die hochkommen können, die hochploppen, wenn ein uns naher Mensch sich verabschiedet. Ob langsam oder plötzlich. Es sind Fragen des Lebens. Jeder muss sich dem früher oder später stellen. Spätestens auf dem Sterbebett. Es trifft immer jemanden. Irgendwann trifft es Sie und mich. Wen betrauern Sie?

Kann man vor dem Sterben schon ein bisschen Sterben üben?

Oder sterben wir täglich ein wenig mehr? Oder ist es gar kein Betrauern einer Person, sondern etwas, das Ihnen nicht vergönnt war? Nicht gelebtes Leben? Ja, das haben wir alle: Hätt’ i, dät’ i – es nützt nichts. Manches huscht vorbei und kommt nicht wieder. Vielleicht, weil wir mit was anderem beschäftigt waren. Weil wir zu viel zu tun hatten. Weil weil weil. Es gibt 1000 Gründe. Manchmal kann man das erst später sehen. Manchmal nie. Manchmal schließt man es tief in sich ein, weil es so weh tut. Vielleicht ist es gesund, sich solche Fragen zu stellen, wenn man es freiwillig tun kann? Vermieden Sie das bisher? Wie im Computerspiel, wenn wir um die Hindernisse herummanövrieren. Oder schießen Sie sich lieber den Weg frei? Oder sind Sie immer auf der Hut? Anders gefragt: Werden Sie lebendiger oder das Gegenteil?

Der Majoran regt den Appetit an und lässt uns die Pizza mit fett Käse, Wurst und Fleisch, leichter verdauen. Deswegen kochen wir mit ihm. Da kann man was drauf geben! Man weiß das seit Ewigkeiten. Er entbläht uns – lässt uns Pupsen nach Herzenslust! Auch das ließe so manchen von Ihnen gewiss erleichtert auflachen.

Die Luft, die entweicht und die Luft, die herein soll, fördert er. Wenn wir angeschlagen sind und husten – kann man mit Majoran im Tee nicht nur der Lunge gut tun. Er stillt Husten und Heiserkeit und stützt das Immunsystem. Kennen Sie das? So eine Art flimmernden Zustand wie zu viel geglotzt und es flimmert weiter, wenn man die Augen schließt? Manchmal hat man das überall. Kann auch an Überbeanspruchung und Überfütterung mit Bildern oder technischen Geräten liegen. Zuviel Stress kann sich auch in den Ohren niederschlagen. Mit Tinnitus laufen einige von Ihnen bereits durchs Leben. Wenn einem die Ohren sausen, könne man den Pflanzensaft auf einem Wattebäuschchen vorsichtig ins Ohr platzieren, sagen alte und junge Kräuterweise. Bitte hier achtsam und selbstverantwortlich – nicht hineinstopfen! Passen Sie auf Ihre Ohren auf! Ein Tropfen ätherisches Öl an den Kragen befördert die besänftigenden erholsamen Eigenschaften von Oregano über den Geruchssinn direkt in uns. Wenn Sie sich jetzt angesprochen fühlen – ist es ein Zeichen genau für Sie, es auszuprobieren? Schauen Sie, spüren Sie’…, tragen Sie Verantwortung, seien Sie lieb zu sich und sorgen Sie gut für sich und die Ihren. Und schauen Sie genau, wann Sie gemeint sind und wann nicht. Man kann in ungewissen Zeiten sehr gut üben, stabiler zu sein, gerade, wenn um einen alles wankt.
Das, was bei Ihnen abgeht, kann Ihnen niemand abnehmen: Weder ein Arzt noch sonstwer. Das ist das Knifflige am Leben – es ist unseres! Als sanfter Entspanner ist Majoran also bekannt, denen die Nerven blank liegen, sei er empfohlen. Der Origanum sei der beste Freund der Nerven, heißt es in verschiedenen Schriften. Also nutzen Sie ihn, wenn er für Sie passt.

Er ist ein großes Schutzkraut. Sie können ihn in Ihrer Wohnung aufhängen. Er galt den Römern schon als Sinnbild des Friedens und sie pflanzten ihn auf die Gräber. Den Lebendigen dient er erst recht. Und schmeckt dabei.

Was haben Sie heuer geerntet? Und was nehmen Sie mit, wenn’s kalt wird? Woran erwärmen Sie sich? Und wo leuchtet Ihr Licht, wenn’s dunkel wird? Das bewusste Atmen hilft uns in den Körper, hilft uns, ganz „da“ zu sein! Sind Sie gerade da? Bei sich? Jetzt? Oder schwirren Sie mit Ihren Gedanken in der Weltg’schicht’ umher, während Sie dies lesen? Wir können jeden Tag bewusster erleben. Das geht manchmal besser und manchmal höchst miserabel. Nicht jeder Tag ist gleich. Aber jeder will gelebt sein! Ich glaube, das geht letzendlich nur mit Vertrauen und tatsächlich braucht es dazu Glauben. Kann man ins Leben sterben? Lassen wir heut ein bisschen was von festgefahrenem Denken und Mustern sterben und öffnen wir Herz und Augen, dass das Leben 'rein kann. Es zeigt sich dann nämlich in seiner Schönheit und Unvorhersehbarkeit. Eben lebendig. Es ist voller Wunder. Wir sind nicht umsonst hier, Sie und ich! Wir sitzen in einem Boot. Man könnte jetzt sogar lächeln.
Von Herzen, Ihre Claudia

 

in der Novemberausgabe 2021 des „Schaufenster“, von Ulm bis zum Bodensee in 28.000 Haushalte