Indisches Springkraut Impatiens glandulifera

Gemach, gemach, – lesen Sie erstmal, bevor Sie urteilen. Besser noch, wir urteilen gar nicht! Fühlen wir lieber, wie’s wirkt! Das diesmalige Kraut ist ein von vielen gefürchtetes. Manche sehen es gar als ausgewachsene Plage. Tja, mit vielem, das uns begegnet ist es so. Wir sehen es und machen uns ein Bild davon und das tragen wir dann huckepack mit uns, bis es uns drückt und wir des Besseren belehrt werden. Bis jemand das Ding von anderer Seite beleuchtet. Oder bis die Zeit reif ist, sagen wir. Doch eigentlich sind wir reif und bereit, von unserer Einbildung und überholten Mustern abzulassen und weiter reichende Erkenntnisse anzunehmen. Also sehen wir zu, ob hier nicht das ein- oder andere Vorurteil fallen kann. Damit das geschehen kann, müssen wir innehalten und mitten auf der Autobahn unserer Gedanken stehenbleiben. STOOOOP! Still werden. Hören Sie’s? Da ist nichts…





Impatiens – Ungeduld heißt das Kraut. Schauen wir uns an, was es mit der Ungeduld auf sich hat. Kennen wir wohl alle. Unsere Gesellschaft und unsere Zeit sind dick mit ihr verbandelt… Eine unsichtbare Macht scheint uns vor sich herzutreiben und dabei löst das in uns Gereiztheit und Voreile aus. Und meist können wir in diesem Zustand nicht gut sehen: Nicht die anderen, nicht das, worum es wirklich geht und nicht uns. Wir hören auf, uns zu spüren. Dabei spüren wir nicht, dass wir uns nicht mehr spüren, das ist das Perfide daran. Manche beschleicht mit der Zeit eine Ahnung, dass irgendwas nicht stimmt. Und manchmal muss man nur den Knoten lösen. Dann löst sich die Verwirrung. Manchmal ist es ein Geduldsspiel: Ein Knoten nach dem anderen will entwirrt sein. Also lassen wir uns helfen beim Entwirren. Jeder hat für sich zu tun und jeder ist verantwortlich und Teil dieser wirr erscheinenden Wollschublade, die wir unsere Gesellschaft nennen.

Das Indische Springkraut kam, wie der Name schon sagt, aus Indien zu uns. Es tauchte hier Anfang der 1990er Jahre auf. Ein Neophyth, sagen manche, weil er mit seinem Wesen die heimische Natur zurückdrängt. Aber… wie wir sehen, sind wir nicht nur von Springkraut umgeben. Auch in der Natur gibt es ständig Wandel. Die Natur ist weise, es wird schon Gründe haben, warum das Springkraut bei uns gelandet ist. Auch wenn es unseren Verstand überfordert und unsere Toleranz auf die Probe stellt. Aber was ist schon dabei? Es fragt uns nicht, ob es hier sein darf, es ist einfach da. Vielleicht müssen wir mit ihm leben, statt es zu bekämpfen…? Es kommt und geht. Es erinnert mit seinen Blattsternen an eine Palast-Verzierung aus Tausenduneiner Nacht. Es trägt eine unbandige Vitalität in sich, taucht eben in Scharen auf – jede Pflanze bring bis zu 4000 Samen hervor. Überdauert jedoch keinen Frost und ist einjährig. Es steht ruhig aufrecht und erscheint gleichzeitig hypernervös: Berührt man's, explodiert es förmlich. Erkennen Sie Parallelen zu manchen Menschen, die Sie in letzter Zeit getroffen haben? Oder gar zu sich selbst? Ja, das Springkraut kann hier helfen. Gleiches mit gleichem heilen… Man könnte auch sagen, dass es manchmal hilft, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt und erkennt.

Dr. Bach hat dies auch erkannt und eine Medizin daraus hergestellt, indem er die Pflanze in Wasser legte und diese Essenz dann in etwa 1 : 1 mit Weinbrand aufgefüllt haltbar machte. Das Prinzip ist, dass das Wasser sozusagen „von der Pflanze lernt“. Und wenn wir dies Wasser dann trinken… können wir die Qualität der Pflanze in uns aufnehmen. Alles hat eine Wirkung, auch wenn wir die nicht bewusst spüren. Wenn wir uns dessen immer bewusster werden, können wir uns entscheiden, auf mehr und mehr das Licht unseres Bewusstseins zu werfen. Es ist, wie mit unserer persönlichen Taschenlampe durchs Leben zu gehen und zu beleuchten, was uns begegnet. Und uns führen lassen. Das heißt nicht, dass wir sorgenfrei oder ungeschoren davonkommen. Manchmal heißt es das Gegenteil: Wir wachsen durch jede Herausforderung. Jede Medaille hat 2 Seiten und alles hat hier sowas wie ein Gegenteil. (Bei Menschen sagen wir: Er vertritt das andere Extrem.) Betrachten wir die Ungeduld genauer: Ein anderer Aspekt von ihr ist die Tatkraft. Manchmal muss man schnell handeln. Auch dabei kann uns diese Pflanze helfen. Und andererseits kann sie Geduld vermitteln und Milde. Wir werden später nochmal hier einhaken und einen abschließenden Schnörkel daraus drehen. !

Geduld ist nicht jedermanns Sache und derzeit scheint Geduld ziemlich verpönt. Dennoch möchte ich Sie ermuntern, diese Tugend zu üben. Haben wir Geduld! Mit uns, mit denen, die anderer Meinung sind und mit denen, die langsamer sind und mit denen, die vorangeprescht sind. Und mit denen, die’s nicht blicken und mit denen, die den Durchblick gepachtet zu haben scheinen. Dann zeigt uns diese sterngeschmückte Pflanze, dass wir lauthals lachen dürfen und uns bewusst werden, dass wir das, was wir anderen vorwerfen tun, weil wir selbst keinen Deut besser sind, es aber so gründlich verdrängt haben, dass wir lauthals und sehr sehr überzeugt davon sind, damit überhaupt nichts zu tun zu haben. Nein, da wo der Spaß für uns aufhört, sind wir nicht geduldig. Wär ja noch schöner! Wenn wir doch innehalten könnten und endlich dies Schauspiel durchschauten... Atmen und einfach die Klappe halten und spüren, was in uns da so tobt. Und es einfach anschaun. Nix damit machen. Betrachten. Jetzt, wo Sie wissen, dass das möglich ist, können Sie’s ja mal ausprobieren. Schauen, wie sich das, was sich da so gebärdet, wie ein Monster durch unsere Eingeweide frisst und heiß und kalt uns von innen schüttelt. Wir haben es schon so oft herausgeschrien, das letzte Wort behalten, dem anderen unsere Meinung ins Gesicht geschleudert – aber es ist nicht besser geworden. Versuchen Sie was anderes. Halt. Patiens! Geduld.
Und nochmal halt! Das heißt nicht, dass wir das, was uns da ergreift, in uns unterdrücken und schnell wegmachen. Wir bleiben einfach dabei. Und tun gar nix, außer fühlen. Probieren Sie’s! Am Anfang ist es Hölle schwer. Aber es ist möglich. Und es verändert alles. Die Situation, das Gegenüber, weil wir nicht den alten Mustern folgen, die eigentlich, schauen wir genau hin, mit uns machen, was sie wollen. In dem Augenblick sind wir nicht Herr der Lage, sondern tief unbewusst. Wenn Sie genug davon haben und wissen, wovon ich hier rede, dann ist es Zeit, wirklich was zu ändern. Denn ändern wir uns, ändert sich die ganze Welt um uns.

Was ist ein guter Mensch? Ein guter Mensch ist jemand, der ein guter Mensch sein möchte. Hach, es ist zum Haare raufen. Geduld ist eine ganz schöne Aufgabe, wo die Welt in  im Fieber zu sein scheint und Verzweiflung, Flut und Feuer zeigt, je nach Standpunkt. Bei oder nach solchen Geschehnissen können wir, wenn wir genau schauen, sehen, dass wir Menschen eine Gelegenheit dadurch bekommen: Wir erhalten eine Chance, etwas anders zu machen. Wir werden in Extremsituationen sonderbar klar. Und wir helfen einander und stehen zusammen. Selbst, wenn alle Masken weggeschwemmt sind. Wir wissen tief innen eigentlich, was wirklich wichtig ist.

Wir können uns weder von der Welt noch von den anderen Menschen trennen. Wir hängen hier beieinander und keine Sorge, alles kommt zu allen, doch niemals gleich. Wir müssen lebendig sein und das ist schwer, wenn man die Kontrolle behalten will. Wir haben sie nicht. Aber wir haben was, das uns hilft: Wir haben das Leben. Und können vertrauen. Das ist eine Entscheidung. Auch dafür steht diese wunderbare freche Pflanze. Eltern, die ihre Kinder ziehen lassen müssen, wir alle, die wir Dinge und Menschen immer wieder loslassen müssen, können von ihr lernen: Man muss die entscheidenden Stellen nur berühren, dann schleudert es seine Samen bis zu 7 Meter von sich. Und wissen, dass dort, wo die Samen landen, schon für sie gesorgt sein wird. Das können wir nicht „Machen“, das ist eine Haltung. Spüren Sie’s? Da kann sich was entspannen. Ja, lockern wir uns, entspannen wir uns da rein. Das macht es leichter. Ehrlich. Ich hab beides ausprobiert. Sie brauchen mir keinen Deut zu glauben. Tun sie das auch: Schauen Sie und entscheiden Sie für sich.
Für die Insekten ist dies rosa-grüne Meer einer Springkraut-Kolonie ein Segen. Vielleicht hat es sich eingefunden und für unsere irdischen Insekten-Mitbewohner die mageren Zeiten, wo alles abgemäht ist, überbrückt. Es lehrt uns auch, unkompliziert zu sein. Es nehmen wie es kommt.
Es scheint so, als seien dieser Tage die verschiedenen Standpunkte unvereinbar, als seien „die anderen“ total abgedreht. Doch lassen wir uns nicht täuschen. Worum geht es hier? Wenn wir uns bewusst werden, dass wir dies Spiel endlos weiter treiben können, dass jedoch die größere Wahrheit dahinter liegt. Frieden kommen kann in jeden von uns, wenn wir anerkennen, was ist. Das heißt nicht, zu allem ja und Amen sagen. Es heißt, da sein zu lassen im Licht unseres Bewusstseins, dann kehrt der Frieden von selbst ein. Sie werden sehen. Das heißt dieser Tage: Ja, es kann sein, dass wir Schmerzen haben oder Fieber oder Unfreundlichkeit und Verwirrung treffen, Durcheinander, Chaos, ja, kann sein, dass wir etwas verlieren oder verloren haben, was uns lieb und teuer ist und es scheint sicher, dass wir sterben. Dann bleibt nichts. Und vielleicht ist es gut. Vielleicht muss nichts bleiben, wenn wir das Beste, was wir sein können, mit ganzer Kraft zu Lebzeiten leben. Und das heißt jetzt. Ja, jetzt, nicht in 10 Minuten, nicht nächste Woche, nicht wenn die Kinder groß sind oder wir in Rente. Es heißt JETZT!!! JETZT JETZT JETZT. Und meint diesen Augenblick. Jetzt.


Das Indische Springkraut strotzt also vor Lebenskraft. Erst nach Johanni kommt es so richtig in die Pötte und bevölkert Waldränder, Böschungen, Lichtungen, Gärten. Es kann ganz klein bleiben oder bis zu 3 m hoch werden. In seinem grünroten glatten hohlen Stängel lässt es eine richtige Wassersäule aufsteigen. Schneidet man es durch, gibt es dies gespeicherte Wasser wieder frei. Staunen lässt uns die Menge, die da gespeichert ist. Die frischen Blätter gelten als leicht giftig, werden jedoch äußerlich bei Pilzerkrankungen auf der Haut und so einigen anderen Oberflächen-Phänomenen angewandt, wie auch die Blüten. Es lohnt auszuprobieren, diese mit dem Nudelholz zwischen Pergamentpapier gequetschten Pflanzenteile aufzulegen.

Die Blüten kann man essen und die Knospen wie Kapern einlegen. Vielleicht testen Sie vorab mit einer Blüte, wie sie bei Ihnen wirkt. Die Pflanze wird laut Aufzeichnungen in Indien als Abführ- und Entgiftungsmittel gebraucht und auch, um Erbrechen herbeizuführen. Auch hier macht die Menge das Gift. Seien Sie wie immer achtsam und hören Sie zu, was die Pflanze sagt und wie sie mit Ihrem Körper „spricht“. Für die „Kapern“ übergießt man die Knospen oder grünen Samenkapseln in ein Schraubglas geschichtet mit einem Sud aus Essig und Wasser, Salz, Zucker und Senfkörnern. Wer mag, kann Dill und Pfefferkörner hinzugeben. Man lässt es ein paar Tage durchziehen.
Die Samen kann man getrost essen. Grün und ausgereift, wenn sie schwarz sind. Sie enthalten Wertvolles an Inhaltsstoffen und erinnern im Geschmack an Walnüsse. Sie können mit anderen Kernen zu Pasten (mit Öl, Senf, Zitronensaft) verarbeitet werden. Bitte frisch zubereiten und essen. Ernten kann man die springenden Dinger am besten mit einem Beutel, den man über die Pflanzen stülpt und dann die „Explosion“ auslöst. Die Lebensfreude der Pflanze springt sogar auf den Erntenden über. Viel Spaß dabei.

Nun sind wir in der Fülle des Jahres angekommen. Es will geerntet und gepflückt werden, genossen, eingemacht, getrocknet, sonstwie konserviert. Das Leben können wir nicht konservieren oder festhalten. Dann wird es schal, hart und wir müssen uns heftig anstrengen. Da macht es doch Sinn, anwesend zu sein, wenn es passiert. Und das ist wiederum JETZT. Es ist, wie es ist. Zu lernen, dass wir es annehmen und leben ist ein Lebenswerk. Es heißt nicht, gleichgültig zu werden, es heißt vielmehr einzutauchen, aber sich nicht zu verlieren. Es heißt, bereit sein zu spüren. Es heißt, sich immer wieder dem auszusetzen, was da ist. Es ist eine tägliche Gratwanderung, bei der man sich nicht bös’ sein darf, wenn man hüben oder drüben abrutscht. Oder mal wieder die Zugbrücke hochgezogen hat vor Angst. Wir lernen. Ich wünsche uns Geduld mit uns selbst und möchte Ihnen an dieser Stelle mitgeben, was ein alter Lehrer an unserer Hochzeit sagte: „Stehen wir also einander bei…“
Herzlichst, Ihre Claudia

 

in der Sommerausgabe 2021 des „Schaufenster“, von Ulm bis zum Bodensee, Auflage 28.000